Im Interview mit Christian Schünemann, Autor des Romans
"Bis die Sonne scheint" - eine unterhaltsame Familiengeschichte mit tragischen Momenten, erzählt aus der Perspektive eines Jugendlichen.
Lieber Christian, dein Roman „Bis die Sonne scheint“ handelt von deiner eigenen Familiengeschichte, die du „neu“ erzählst, indem du allen Personen fiktive Namen gegeben hast. Der Ich-Erzähler heißt Daniel. Wieviel von dem, was deine Familie im Buch erlebt, ist echt?
Alles im Buch ist so oder so ähnlich passiert. Aber ich habe die Dinge teilweise vereinfacht, zugespitzt und zeitlich verdichtet. Nur eine Person habe ich komplett erfunden: Daniels beste Freundin Zoe.
Die Schwester deiner Mutter ist in den 1950er-Jahren nach Amerika ausgewandert. In dieser Zeit haben deine Mutter und deine Tante sich viele Briefe geschrieben. Als du deine Tante in Amerika besucht hast, hat sie dir die Briefe deiner Mutter übergeben. Was war der Auslöser für die Reise zu deiner Tante?
Nach dem Tod meiner Mutter wollte ich die Briefe gerne lesen, schließlich umfassen sie viele Jahrzehnte Familiengeschichte, darunter auch die Zeit vor meiner Geburt. Aber mir war klar, dass ich nicht erwarten kann, dass meine Tante mir die Briefe einfach schickt. Deshalb bin ich hingeflogen, um die Sprache auf die Briefe zu bringen und zu schauen, ob sie sie mir zum Kopieren überlässt. Tatsächlich hat meine Tante es so auch gemacht – übrigens ohne dass ich sie extra darum bitten musste. Sie hat den Grund meines Besuches sofort erahnt, und vielleicht wollte sie auch, dass ich die Briefe meiner Mutter lese.
"Tante Margit hatte geahnt, dass ich Interesse an den Briefen haben könnte, und ich freute mich, dass sie bereit war, diesen Schatz mit mir zu teilen."
Hat dich der Briefwechsel zwischen den Schwestern zu deinem Roman inspiriert?
Ja, die Briefe haben mich auf jeden Fall inspiriert. Weil die Ereignisse, die meine Mutter darin über sich und unsere Familie schildert, meiner eigenen Erinnerung auf die Sprünge geholfen haben, und weil ich manche Dinge anderes erinnere. Deshalb dachte ich: Ich schreibe jetzt meine eigene Version und fühle mich dabei auch frei zu fiktionalisieren und anders zusammenzustecken – wie meine Mutter sich eben anscheinend auch frei fühlte, streckenweise zu fiktionalisieren.
Die Taschenbuchausgabe erschien am 26. März 2026 bei Diogenes
Wie hat sich die Sicht auf deine Familie nach dem Schreiben des Romans verändert?
Meine Sicht auf unsere Familie hat sich insofern verändert, als ich sie überhaupt zum ersten Mal reflektiert habe. Ich glaube jetzt zu verstehen, warum meine Eltern so gehandelt haben, wie sie handelten, und ich glaube jetzt zu wissen, warum ich in manchen Situationen anscheinend ganz automatisch ähnlich handele.
Was hast du von deinen Eltern gelernt?
Ich glaube, ich habe von meinen Eltern gelernt, mir ziemlich viel zuzutrauen. Aber ich habe manchmal auch ihre Arroganz zu glauben, vieles besser zu wissen als andere. Und ich habe auch ihre Verhaltensweise übernommen, eine Sache nicht immer über eine längere Strecke durchzuhalten und hinzuschmeißen, wenn etwas schwierig oder langweilig wird. Dieser Versuchung, lustvoll alles hinzuschmeißen, versuche ich inzwischen zu widerstehen.
Gab es irgendwann in deinem Leben klärende Gespräche mit deinen Eltern, die zur Versöhnung beigetragen haben?
Nein, die gab es leider nicht. Meine Mutter ist sehr früh und sehr überraschend gestorben, so dass dafür einfach keine Gelegenheit war. Mit meinem Vater Dinge zu klären, hatte ich nie das Bedürfnis. Die Klärung bestand letztlich darin, dieses Buch zu schreiben, das von manchen Leuten – zu meiner großen Überraschung – auch als Liebeserklärung an meine Eltern verstanden wird, was ich sehr schön finde.
Der Titel deines Romans „Bis die Sonne scheint“ klingt positiv. Bei allem Ärger und der Aussichtslosigkeit im Leben deiner Familie, gab es immer wieder Momente, wo die Sonne schien – wie hast du diese Phasen erlebt?
Es gab ganz viele Momente, wo die Sonne schien: Wenn wir ins Restaurant gegangen sind, weil meine Mutter keine Lust hatte zu kochen. Wenn wir nach Frankreich in den Urlaub fuhren, weil bei uns das Wetter schlecht war, und mit dem letzten Geld in schönen Hotels abstiegen, ohne allzu lange zu überlegen, was danach kommt und ob es wirklich vernünftig ist.
"Seht ihr das?", sagte mein Vater und meinte in der Ferne das Glitzern. "Das ist das Mittelmeer."
"Die Côte d'Azur", ergänzte meine Mutter. "Auf der anderen Seite liegt Afrika."
Das Auto scheint eine große Rolle in deinem Buch zu spielen und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Es ziert das Cover und ist ein Symbol für Wohlstand, Freiheit, Flucht, Kontrolle, aber auch Kontrollverlust und Selbstmord. Wie bist du auf die Idee gekommen, das Auto in dieser Form einzusetzen?
Das Auto als Leitmotiv im Roman ist ein interessanter Gedanke, der mir bis eben noch gar nicht bewusst war. Obwohl es ja sogar prominent auf dem Buchcover zu sehen ist! Das Auto in dieser Form einzusetzen, war keine bewusste Entscheidung, sondern liegt wohl einfach in der Geschichte und vielleicht auch in der Zeit begründet. Das Auto war bei uns Statussymbol.
„Der Fahrersitz war der Platz, der nur ihm (Vater) gehörte. Das Auto der einzige abgeschlossene Raum, bei dem er allein das Sagen hatte...“
Als du erfahren hast, dass euer Haus zwangsversteigert wird und ihr auf der Straße landen würdet. Hattest du Angst oder Vertrauen in deine Eltern, dass sie eine Lösung finden?
Der Zwangsversteigerung wurde bei uns in der Familie mit einem gewissen Trotz begegnet, und es wurden Gründe gefunden, warum es auch Vorteile hat, mit vier Kindern und drei Hunden in ein schmales Reihenhaus zu ziehen. Und es stand ja nirgends geschrieben, dass es für immer sein musste. Es gab ja theoretisch immer die Möglichkeit, dass wieder bessere Zeiten anbrechen und wir dann umso schöner wohnen würden. Das Vertrauen, dass meine Eltern eine Lösung finden würden, war also schon da, und gleichzeitig wusste oder ahnte ich auch, dass diese Lösung dann aber wohl auch nur vorübergehend sein würde.
"Wollen die unser Haus?", fragte Corinna. "Das hätten sie wohl gerne", schnaubte meine Mutter und berichtete, ohne die Leute aus den Augen zu lassen, es gäbe in der Kreisverwaltung einen gewissen Herrn Vulpius, der unser Haus schon seit Längerem im Visier habe und nur auf einen günstigen Moment warte, um es sich unter den Nagel zu reißen...
Das Buch endet mit der Schilderung deines Vaters, der die nächsten Pläne für ein neues Haus zeichnet. Ist das Haus auf dem Filetstück in Heißenbüttel, mitten auf dem Feld, jemals gebaut worden?
Das Haus in Heißenbüttel mit den Säulen, der Freitreppe, dem Pool und dem offenen Kamin kam über die Fundamente leider nie hinaus, weil das Grundstück dann auch in die Zwangsversteigerung ging. Ob jemand anderes dann auf diesen Fundamenten ein eigenes Haus gebaut hat, weiß ich nicht. Muss ich direkt mal recherchieren.
