Interview mit Oliver Goetzl - Tierfilmer

 

Oliver Goetzl dreht Filme über seltene Tierarten, unter extremen Bedingungen und mit vollem Körpereinsatz. Für seinen Film Herrscher einer vergessenen Welt - Biokos Drills wurden er und sein Team jetzt mit dem Tierfilm-Oscar ausgezeichnet! Bei einem Besuch in seinem Studio, erzählt er mir unter anderem, warum der Lippenbär, der berühmteste Bär der Welt ist und wie wichtig ein Tarnanzug auf einer After-Show-Party sein kann.

Bartkautz sitz neben Mann auf einem Ast, der ihn anguckt
Oliver Goetzl mit Bartkautz © Rolf Steinmann

Lieber Oliver,

du bist ein ausgezeichneter Tierfilmer und hast schon im Laufe deiner über zwanzigjährigen Karriere auf den entlegensten Erdteilen Filme über Tiere gedreht, die noch nie zuvor gefilmt worden sind. Könnte man sagen, dass du dich auf besondere Tierarten spezialisiert hast?

Ja, das könnte man so sagen. In der Geschichte des Tierfilms gibt es ja zum Beispiel sehr viele Löwenfilme. Aber es gab noch nie einen Film über wilde Vielfraße. Der Vielfraß war für mich als Tierfilmer immer ein Traum – das war früher „the holy grail of wildlife filmmaking“, weil er sehr versteckt lebt und trotzdem legendär und ein charismatisches Tier ist. Der Schneeleopard auch, aber der war für uns damals als Anfänger für das erste Projekt zu weit weg oder in einer schwer zugänglichen Gegend. 2004 haben wir unsere Produktionsfirma gegründet und in dem Jahr kam auch die BBC mit Planet Earth heraus und hat die erste Jagdszene eines Schneeleoparden gedreht, was vorher noch niemand geschafft hat und so war das Thema Schneeleopard für uns sowieso erst einmal vom Tisch. Deswegen habe ich mir dann die Vielfraße ausgesucht, obwohl es eins der schwierigsten Tiere überhaupt zu filmen ist. Das war unser Einstandsfilm. Selbst die BBC hatte das noch nicht versucht. Wir haben dafür neun Monate lang in Finnland an der russischen Grenze in einem Verschlag gesessen, der etwa so groß war wie ein Sofa, in dem immer nur einer liegen und einer sitzen konnte. Damit haben wir den ersten Vielfraß-Film weltweit vorlegen können und wurden dafür bei der Wildscreen in Bristol [wildscreen.org] für den „BBC Newcomer Award“ nominiert, quasi einen Tierfilm-Oscar, und gewannen ein Jahr später dessen Äquivalent in den USA. Mit dem Film waren wir sofort in der Tierfilm-Branche etabliert.

 

Vielfraß im Baum blickt direkt in eine ferngesteuerte Kamera
Ein Vielfraß blickt direkt in die am Baum befestigte Kamera © Gulo Film/Doclights

So ging es dann für uns nahtlos weiter. Wegen dieses Films haben wir uns auch GULO Film Productions genannt, da Gulo gulo der wissenschaftliche Name des Vielfraßes ist und man uns immer mit diesem ersten Film in Verbindung bringt. Auch über den Lippenbären, den wir gedreht haben, gab es noch keinen Film. Den wollte ich unbedingt machen. Der Lippenbär lebt in Indien und die BBC hat ja durch die Kolonialzeit immer beste Verbindungen dahin gehabt, es aber nicht geschafft, einen Film über den Lippenbären zu drehen, welcher der berühmteste Bär der Welt ist – warum? Weil er Balu der Bär ist, aus Rudyard Kipling`s Buch und dem Disney Film Das Dschungelbuch.

Lippenbär mit Jungtier auf dem Rücken vor einer Höhle
Lippenbär mit Jungtier © Oliver Goetzl

Und im letzten Jahr war es der Film Herrscher einer vergessenen Welt - Biokos Drills über die Drills auf der Insel Bioko. [Insel im Golf von Guinea, 40 km vor der Küste von Kamerun] Über diese Affen gab es auch noch nie einen Film. Warum soll ich jetzt den dreitausendsten Löwenfilm machen? Klar, man kann mit neuester Technik drehen, aber das kostet so unnötig viel Geld, die BBC hat da viel mehr Ressourcen. Also, denke ich mir –  lieber etwas suchen, was noch keiner gemacht hat. Das fällt dann mehr auf und wird mehr wertgeschätzt, dass es da so kleine Iserbrooker [Stadtteil in den Elbvororten von Hamburg] Leute geschafft haben, sich international zu etablieren. Und nicht die BBC zu sein, das ist manchmal auch toll. Das macht einfach unheimlich viel Spaß. Es geht also um die Monografien über charismatische Tierarten, meistens Beutegreifer oder Karnivoren. Eine Antilope ist zwar hübsch an sich, aber da gibt es weniger Verhalten. Klar kämpfen die mal oder werden gefressen, aber das ist es dann auch schon.

Impressionen von Dreharbeiten

Wenn du „wir“ sagst, wen meinst du noch damit?

Wir waren zu zweit. Ivo Nörenberg hat zu dem Zeitpunkt die Hauptkamera gemacht und ich habe hauptsächlich Regie geführt und war verantwortlich für die ferngesteuerten Kameras, die abgedeckt und versteckt waren für die intimen Perspektiven, ganz nah dran, von unten etc. Es ist wichtig, eine zweite Perspektive zu haben, damit man auch authentisch schneiden kann, denn wenn sich der Hauptkameramann verschwenkt oder die Bilder unscharf sind, dann fehlen Sekunden. Wir haben also zu zweit angefangen und seit Januar 2020 führe ich diese Firma alleine mit Unterstützung meiner Frau Corinna weiter.

 

Aber vor Ort arbeitest du in einem Team?

Ja, in Bioko waren wir neun Leute. Man bucht immer andere Kameraleute dazu, sowohl in Bioko als auch bei den weißen Wölfen auf Ellesmere Island, sowie in Kenia haben wir immer Leute dazugebucht, auch weil unsere Ansprüche gestiegen sind und man international mithalten will und wenn man sich stabilisierte, gezoomte Luftaufnahmen, wie die BBC es seit damals 2004 tut, nicht leisten kann, dann müssen wir eben mit einem Heißluftballon über die Landschaft fliegen und von dort oben Luftaufnahmen machen. Da kann man auch schön zoomen. Bei den Sielmann- und Grzimek-Tierfilmen früher wurde das immer mit einer Cessna gemacht, das war aber viel zu schnell und wackelig, deswegen haben wir die Aufnahmen mit Heißluftballons gemacht, sind aber auch schon zweimal damit abgestürzt.

 

Was ist passiert?

Bei einem Absturz in Russland hatten wir einen schlechten Ballonführer, der uns geflogen hat, einen Millionär, der den Ballon irgendwann nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ivo wurde aus dem Korb geschleudert und ich wurde ohnmächtig, da ich beim Aufprall auf dem Berggrat mit dem Kopf gegen eine Gasflasche geknallt war. Der andere Absturz war in Indien – da wir zuvor viel Gas verbraucht hatten und bei drei Flaschen am nächsten Tag auf dem Land, leider mit Wasser verunreinigtes Gas nachgefüllt hatten, funktionierte beim zweiten Flug der Brenner nicht mehr – in 60 Metern Höhe ... Wir vermieden eine Kollision mit der Spitze eines riesigen Felsens, indem der Pilot kurz vorher sämtliche heiße Luft aus dem Ballon auf einmal abließ und wir dann im freien Fall – aber zumindest im Korb – zu Boden fielen.

Abgestürzter Heißluftballon mit Korb liegt zwischen Felsen
Ballonabsturz in Indien © Gulo Film/Doclights

Wie kamt ihr auf den Namen Sipoti, so wird das kleine Drill-Äffchen genannt, das eine Hauptrolle in deinem letzten Film "Afrikas geheimnisvolle Welten – Die Insel der Affen" [Titel der Fernsehfassung] spielt?

Sipoti heißt „kleines Ding“ und ein Mitarbeiter aus dem Dorf, den wir gebucht haben und der auch beim Aufbau des Camps mitgeholfen hat, hatte den Spitznamen Sipoti, weil er etwas kleiner war als die anderen. Der Affenvater heißt Motuku, das bedeutet König oder Big Boss und deswegen haben wir die Namen auch so für die Geschichte verwandt. Das ist für den Zuschauer gut, da er der Geschichte besser folgen kann. Die Drills sehen letzten Endes für den Zuschauer alle gleich aus und so ist es leichter, mit Namen eine Identifikation zu schaffen. 

Sipoti mit Affenmutter, Affenvater Motuko © Tania Escobar, Justin Jay

Woher kommt dein Forschungsdrang oder das Interesse am Filmen?

Ich bin Biologe und war als Kind immer gerne draußen und bin früh Mitglied beim Deutschen Bund für Vogelschutz geworden [das ist jetzt der NABU] und habe mich immer für Tiere interessiert. Besonders für seltene Tiere.

 

Schreibst du auch die Texte zu den Filmen, die vom Sprecher gesprochen werden?

Ja. Ich mache eigentlich alles hier zu Hause im Schnittraum. Den Schnitt, anschließend den Text, dann schreibe ich das Musiklayout, danach telefoniere ich mit den Komponisten, das sind tolle Leute, die die Musik für den Film komponieren und dafür einen besonderen Sound kreieren. Ich mache hier auch die Vertonung des Films. Dafür gehe ich im Garten auf die Suche nach Holzstückchen, Steinen etc. Von alten Sound-Sessions sind hier noch Kies und Laub in Kartons. Damit mache ich die Nachvertonung für die Schritte etc. Mein Neffe nimmt das dann alles auf und das Geräusch wird synchron zum Bild angelegt, damit es passt. Wenn man mit langen Teleobjektiven dreht, kann man zwar heranzoomen, aber der Ton ist zu weit weg. Deswegen müssen viele Töne nachvertont werden. Die Tierrufe sind im Original, da die laut genug sind, aber Schritte, Lecken und Schnalzen oder das Kratzen zum Beispiel, das mache ich selbst an meinem Bart mit einem Mikrofon direkt an meiner Wange [Oliver kratzt sich am Bart]. Bei unserem ersten Film 2006, in dem es um die Vielfraße ging, war ich so enttäuscht von dem Geräuschemacher – das ist ja eigentlich ein eigener Beruf – da habe ich mir gesagt, ich bin ja auch Schlagzeuger, ich habe ein Rhythmusgefühl, die Schritte krieg ich irgendwie hin und da habe ich mir das beigebracht und seitdem mache ich die Geräusche.

Wie wählst du die Tierarten aus, die du filmst?

Das ist häufig ein Zufall. Manchmal lernt man auf Tierfilm-Festivals Kollegen kennen, die dann mit einer Idee kommen, die sie allein aber nicht umsetzen können. Bei dem Bioko-Film zum Beispiel, hat Justin Jay, ein amerikanischer Affenforscher mit einer kleinen Handycam, also mit spärlichen Mitteln, ein ordentliches Filmchen über Bushmeat-Trade auf Bioko [illegaler Handel von Tierfleisch] gemacht und dabei die Drills dort entdeckt. Damit hat er Festivals besucht und auf so einem Festival in New York habe ich ihn kennengelernt, wir sind abends auf Konzerte gegangen und er hat mir davon erzählt, dass er seit zwei Jahren versucht, die Idee für einen Dreh mit den Drills auf Bioko unterzubringen, aber ihm niemand Geld dafür gibt. Und dann habe ich ihm gesagt, ich stelle dir mal meine Leute vor, also den NDR Naturfilm, die sind nämlich auch auf Festivals und ich könnte mir vorstellen, dass sie sich dafür interessieren. Die waren sofort begeistert, meinten aber, dass eine deutsche Produktionsfirma dazwischengeschaltet werden muss. Ich wollte den Dreh gerne mit ihm machen, aber wir hatten noch einen anderen Film in der Pipeline über Wildhunde. Inzwischen ist der Wildhund-Film gecancelt worden, da die BBC schon etwas darüber gemacht hatte. Und als wir beschlossen hatten, den Bioko-Film zu machen, waren alle glücklich, da der Dreh etwas Besonderes war.

 

 

 

Nicht, dass es so rüberkommt, dass wir Justin Jay das Thema weggenommen haben, im Gegenteil. In Eckernförde an der Ostsee findet das größte europäische Tierfilm-Festival statt, die GREEN SCREEN, und dort haben wir für den Bioko-Film den Hauptpreis für den besten Film gewonnen. Die Festivalleitung macht das ganz toll: Die Gewinner werden auf Steinplatten in den Boden auf der Strandpromenade verewigt. 

Steinplatte mit Namen der Gewinnern des Green Screen Awards in Eckernförde
Fördervereinvorsitzende Ulrike Lafrenz, Festivalleiter Dirk Steffens, "Stein-Stifterin" Wei Qian © Green Screen

Und da habe ich Justin Jay natürlich mit draufschreiben lassen. Er steht auch im Vorspann und ich habe ihn überall gefeatured.

Justin Jay ist daraufhin von der BBC gebucht worden für die Serie Primates, um eine Szene über die Drill-Affen zu drehen. Er hat also ganz viel von der Zusammenarbeit profitiert – neben seinem Gehalt, versteht sich. Und ich habe alles dafür gegeben, dass er seinen Weg gehen kann. 

 

Wir waren auch wieder für den Tierfilm-Oscar nominiert und am 29. Januar wurde bekannt gegeben, dass wir einen „Green Oscar“ gewonnen haben und zwar den „Audience Prize“, denn Lost Kings of Bioko war der Film, der unter dem Fachpublikum die allermeisten Votings von allen Filmen – inklusive aller Preisträger – bekommen hat!

Hast du einen Lieblingsdreh?

Der Vielfraß-Film war die erste intensive Erfahrung für mich als Tierfilmer: Drei Jahre lang mit wenig finanziellen Mitteln, aber viel Aufregung, einen guten Film gemacht zu haben über ein Tier, das noch nie zuvor für eine vollständige Dokumentation gefilmt wurde. Dann natürlich die Lippenbären in Karnataka, Südindien. In die Höhlen zu klettern, Kameras aufzubauen, nie zu wissen, ob nicht gleich der Bär durch den Hintereingang reinkommt, das war ein Nervenkitzel ohne Ende. Einmal habe ich einen Bären aus der Höhle geschubst.

Du hast ihn geschubst?

Ja, man kommt manchmal in die komischsten Situationen: Ich war allein in der Höhle. Dort gab es zwei Eingänge. Einen Haupteingang, in den man auch als Mensch reingehen konnte und einen Nebeneingang, wo man hochklettern und durch eine kleine Öffnung in die Höhle gelangt. Ich hatte gerade die Kameras in der Höhle aufgebaut und getarnt, also mit Steinen bedeckt, sodass sie mit der Umgebung verschmelzen und nur die Linse frei bleibt.

Kamera wird unter Steinen in einer Bärenhöhle versteckt
Einrichten der Kamera in der Höhle der Lippenbären © Samad Kottur

Ich war also gerade fertig mit der Einrichtung und ging zurück auf den Hochsitz, den wir dort gebaut haben, wo ich den Monitor zur Überwachung der Kameraaufnahmen hatte. Ich saß also da oben und habe mit den Monitoren rumgespielt und festgestellt, dass ich bei der Einrichtung des Bildes nicht ganz aufgezoomt hatte. 

Oliver Goetzl beim Kamera-Test und ein neugieriger Lippenbär © Oliver Goetzl

Das Bild gefiel mir nicht mehr. Also bin ich wieder allein in die Höhle zurück, vorher hatte ich noch ein paar Ranger dabei, die mit Stöcken hinter mir standen usw. Die hatten sich aber inzwischen zum Schlafen unter die Autos in den Schatten gelegt. In der Höhle habe ich die Kamera neu eingerichtet, hatte aber das Walkie-Talkie oben auf dem Hochsitz vergessen. Und dann kommt der Bär durch den Nebeneingang geklettert, steht ca. anderthalb Meter von mir entfernt, sieht mich und greift mich sofort an. Und zwar mit lauten abgehackten Brumm-Geräuschen [Oliver macht es vor]. Ich habe mich total erschrocken, dann schnell umgedreht und ihn instinktiv an Schulter und Schnauze mit den Händen rausgestoßen, sodass er dann zwei Meter runtergefallen ist. Inzwischen hatte Ivo meine verzweifelten Verteidigungsrufe gehört und ich bin dann zurück auf den Hochsitz geklettert und habe die Situation aufgeklärt. Das war eine prägende Erfahrung. Der Bär kam übrigens eine Dreiviertelstunde später wieder in diese Höhle und tat vor der Kamera dann das, was ich mir erhofft hatte …

Lippenbär entspannt auf einem Felsen in einer Höhle
Entspannter Lippenbär © Oliver Goetzl

Auch die Situation, zweieinhalb Monate lang quasi unter arktischen Wölfen zu leben, 800 Meter von der Wolfshöhle entfernt, war ein wahnsinniges Erlebnis. Es waren 14 Wölfe mit drei Jungtieren, davon ist ein Erwachsener verhungert. Die sind jeden Tag ins Camp gekommen und haben die Abspannbänder der Zelte durchgebissenen, während man selbst im Zelt lag und hörte, wie die Bänder nacheinander mit einem lauten Ruck abgetrennt wurden. Die waren aber nur neugierig und wollten spielen.

Weiße Wölfe auf Ellesmere Island © Alain Lusignan, Joosep Matjus

Eigentlich gibt es auf jeder Drehreise ein Ereignis, das einen nie loslässt. Auch Landschaften lösen etwas bei mir aus. Wie in Russland im Uralgebirge die Felsformation Manpupuner, auch die Sieben starken Männer genannt.

Sieben große Felsformationen auf einem Hügel im Uralgebirge
© Gulo Film/Doclights

Was zeichnet einen guten Tierfilmer aus? Was ist dir wichtig, mit der Kamera einzufangen?

Was man als Tierfilmer immer mitbringen muss, das sind die drei Ps auf Englisch. Also erstens Patience, Geduld, das kennt ja jeder – die muss man aber vor allem bei Genehmigungs-behörden und auf Flughäfen haben. Rumzusitzen und auf Tiere zu warten, das ist ja meine Leidenschaft, das habe ich mir selbst ausgesucht, dafür brauche ich keine Geduld. Man ist in der Natur und sieht Dinge, die man gar nicht erwartet. Da wird einem nie langweilig. Natürlich muss man auf eine gute Szene warten und braucht Geduld, da darf man nicht frühzeitig abbrechen. Als Nächstes kommt Passion, also Leidenschaft, und dann Persistence, also Ausdauer. Wenn du das hast, bist du eigentlich automatisch ein guter Tierfilmer, weil du dann auch das Verhalten einfangen kannst, das du brauchst. Wenn du nur dahin fährst, um deine tolle Technik aufzubauen und dann nicht geduldig bist und das Tierverhalten nicht richtig antizipieren kannst, dann wird es schwierig. Und die Erfahrung kommt auch noch dazu. Das lernt man nicht im Studium. In meiner Zeit als Vogelbeobachter vor dem Biologie- und Zoologie-Studium, habe ich auch andere Wildtiere beobachtet und habe mehr gelernt über Antizipation und Verhalten als nachher im Studium. Klar braucht man noch ein Händchen zum Schwenken und Scharfstellen, aber noch viel wichtiger ist, dass du weißt was du tust und welche Funktion das nachher im Film hat. Man bildet ja nicht nur die Tiere ab. Es ist also kein reiner Dokumentarfilm. Der Moment der Entscheidung, wo du die Kamera hinstellst, egal was du drehst, ist schon so weit weg von dokumentarisch sein. Wenn ich um mich herum heile Natur zeige und hinter mir sind Felder, dann sieht der Zuschauer nur die heile Natur und das hat mit einem Dokumentarfilm gar nichts zu tun. Und so ist es bei jeder Entscheidung im Film, auch im Schnitt nachher werden ja Szenen rausgeschnitten. Ein Löwe schläft zum Beispiel 21 Stunden am Tag und ist drei Stunden aktiv. Was sieht man im Film? Action! Es will ja auch keiner Löwen stundenlang beim Schlafen zugucken. Es ist einfach kein Dokumentarfilm – und es gibt aus genau diesem Grund auch ansonsten keinen einzigen Dokumentarfilm … ebenso nicht in anderen Bereichen, da auch dort beim Drehen alles subjektiv gewählt wird und gleichzeitig andere Details ausgeblendet werden. Deswegen muss der Kameramann wissen, was er mit den Aufnahmen macht und was er damit bezwecken will: Emotionen transportieren, damit der Zuschauer dranbleibt. 

Wie viel von der Organisation übernimmst du für eine Reise?

Absolut alles. Zusammen mit meiner Frau. Ich muss alles koordinieren und auch delegieren. Ich bekomme das Budget vom NDR Naturfilm [und den Ko-Produktionspartnern] und muss dann den fertigen Film mit der Musik, dem Sprecher, den von mir geschriebenen Text und der Vertonung abgeben. Vorher hat man natürlich noch die Rohschnittabnahme oder Materialsichtung mit der Redaktion und stimmt sich ab und ich gebe im Vorfeld auch noch ein Treatment ab. Die Projekte, die ich in Angriff nehme, sind ja meistens super exotisch, wie zum Beispiel der Film mit den Wölfen. Der Dreh fand 800 km südlich vom Nordpol statt. Dort überhaupt hinzukommen war schon sehr aufwendig, die nächste Helikopterbasis war 22 Stunden entfernt. 

Kameramann und Tierfilmer Südlich vom Nordpol vor Hubschrauber mit Wolf im Hintergrund
Beobachtet von einem weißen Wolf - Oliver Goetzl und Team © Alain Lusignan

Wenn uns irgendetwas passiert wäre, hätten wir zwar ein Satellitentelefon gehabt, aber logistisch wäre der Helikopter erst frühestens 22 Stunden später bei uns gewesen. Und auch der muss irgendwo zwischenlanden und eine Betankung aus Benzinfässern durchführen, die irgendwo in der Pampa liegen und dann weiterfliegen. Dort gibt es eben keine Menschen. Das heißt, wir müssen über die Gegend recherchieren, wo die Tiere leben und Wissenschaftler kontaktieren, die zum Teil von ganz woanders aus an diesen Tieren forschen. Die Organisation geht also von uns Tierfilmern aus. 

Wohin führt dich dein nächstes Projekt?

Nach Raja Ampat. Das ist ein Inselparadies bestehend aus 1500 Inseln, ein Archipel in Indonesien. Die Reise ist zweimal schon verschoben worden, aber jetzt soll es im Juni losgehen. Über den Sommer bis zum Herbst, vielleicht Oktober. Drei Jahre brauche ich dafür.

 

Inselgruppe Indonesien
Raja Ampat © Pixabay

Drei Jahre?

Ja, jeder Film dauert immer insgesamt drei Jahre mit Schnitt und allem, was dazu gehört. Manchmal sind es drei Sommer oder drei Winter. Beim Yellowstone-Film waren es drei Winter. In Bioko waren es drei volle Saisons, drei Mal vier Monate. Da kann man nur in der Trockenzeit drehen, in der Regenzeit wäre es lebensgefährlich wegen der Sturzbäche, Überflutungen und Erdrutsche. Nachdem man drei Jahre lang eine Tierart gefilmt hat, weiß man, wie man es am besten macht und dann müsste es eigentlich erst losgehen mit dem Dreh, denn dann macht man eigentlich erst den perfekten Film. 

Welche Tiere wirst du dort filmen?

Auf Raja Ampat gibt es zwei endemische Arten von Paradiesvögeln und eine Kasuarart, die man noch nicht so kennt.

 

Kasuare kenne ich gar nicht.

Wenn du ein Foto siehst, kennst du sie bestimmt. Es ist ein Straußenvogel, ein besonders hübscher Laufvogel.

Kasuar Vogelstrauß
Kasuar © Pixabay

Man kennt meistens den Helmkasuar aus Australien, aber in Raja Ampat gibt es einen sogenannten Northern Cassowary, der sieht ein bisschen anders aus und der ist meiner Meinung nach auch noch nicht gedreht worden. Das wäre eine der Perlen, die ich da herausarbeiten möchte. Gut, die BBC war schon auf Raja Ampat und hat Szenen für einen Paradiesvogel-Film gedreht, aber von Raja Ampat sieht man nicht viel. Es gibt also noch keine hochwertige Dokumentation über Raja Ampat selbst. Deswegen mache ich den ersten Zweiteiler-Naturfilm über diese Region. Das Land Indonesien ist allen westlichen Ländern, eigentlich der ganzen Welt Meilen voraus, da Raja Ampat als weltweit erste Conservation Province, also „Naturschutz-Provinz“ ausgewiesen wurde. Dort gibt es private Schutzgebiete mit Rangern und es werden viele Programme zum Schutz der Umwelt mit der Bevölkerung organisiert und sehr viele innovative Projekte ins Leben gerufen. Gleichzeitig leiden sie unter und profitieren vom Tourismus vor Ort, da will ja jeder hin, weil es dort so paradiesisch ist, wie auf den Malediven. Diese Aspekte könnten im Film zum ersten Mal richtig einfließen. Ich werde alles drehen was damit zusammenhängt und anbieten und es wird dann an den Stories und Bildern liegen, ob es als Teil im Film mit drin ist oder ob es in das Making-of mit einfließt. Die BBC macht das jetzt immer bei den großen Serien, sie zeigen einen Teil nur über die Einflüsse der Umweltverschmutzung. Das finde ich sehr gut, weil dieser wichtige Aspekt berücksichtigt wird. Ende letzten Jahres ist ein ganz toller Film von David Attenborough [britischer Tierfilmer und Naturforscher], der ja schon 94 Jahre alt ist, herausgekommen – A Life on our Planet. Darin hat er so viele Lösungen aufgezeigt, wie man die Welt jetzt noch retten könnte, wenn man selbst aktiv wird. Es ist ein absolut wichtiger und sehenswerter Film. 

Mit wem arbeitest du diesmal zusammen beim Raja-Ampat-Dreh?

Mein neuer Hauptkameramann für dieses Projekt ist der Österreicher Patrick Centurioni, den ich 2019 auf einem Tierfilm-Festival in Innsbruck, Österreich, kennen- und schätzen gelernt habe und der zufälligerweise im selben Jahr auf einer Reise in Raja Ampat war.

 

Und bei dem Kennenlernen kam die Idee für diesen Dreh zustande?

Nee, die Idee mit Indonesien habe ich schon länger geplant. Meine Frau und ich haben unsere Hochzeitsreise 1994 nach Indonesien gemacht und da fehlte uns noch Sulawesi [Sulawesi ist eine indonesische Insel zwischen Borneo und Neuguinea]. Dort gibt es Hirscheber und Schopfmakaken, aber das sind Tiere, über die die BBC schon oft gefilmt hat, sodass unser Chefredakteur dann auch gesagt hat, nee, nicht so interessant. Und Raja Ampat ist in relativer Nähe und das hat eben noch keiner gemacht.

Könntest du dir vorstellen, in der Natur/Wildnis zu leben?

Ich kann es mir sehr gut vorstellen, aber es ist nicht mein Lebenstraum. Und ich lebe ja während eines Drehs in der Wildnis und bin ja auch für solche Drehs richtig lange weg. Mein Lebenstraum ist, mit meiner Familie zusammenzuleben und es gibt genug Gründe, warum man dann nicht in der Natur zusammen lebt. Die Ausbildung der Kinder, Freiheiten, die man nur in der Stadt hat und hier ausleben kann. Die Kinder haben ja andere Interessen und ich möchte nicht meine Interessen über ihre stülpen wollen. Das heißt, ich möchte mit meiner Familie zusammen sein und das ist nun mal hier in Hamburg. 

Wer ist dein Vorbild?

Auf jeden Fall David Attenborough. Mit dem wir auch zusammengearbeitet haben, bzw. er hat für uns gearbeitet. Er spricht den Lippenbären-Film. Dafür haben wir ihn auch getroffen, das war toll. 2006, bei unserer ersten Tierfilm-Oscarverleihung habe ich ihm bereits unsere DVD in die Hand gedrückt. 

© Roland Gockel, Klaus Müller

Dann gibt es noch andere Vorbilder im deutschen Bereich – als Kinder sind wir alle mit Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek aufgewachsen. Ein ganz toller Kameramann, der als erster Deutscher für die BBC gearbeitet hat, ist Götz Dieter Plage, der ist aber leider aus einem Zeppelin abgestürzt und gestorben, als er in Borneo Orang-Utans filmen wollte. Über den Absturz hat Werner Herzog einen Film gemacht The White Diamond. Hugh Miles [britischer Tierfilmer] ist eine alte Ikone. Als Produzent, Alastair Fothergill [britischer Regisseur und Fernsehproduzent von Naturfilm-Dokumentationen], der große Serien wie Blue Planet oder Planet Earth gemacht hat und für Netflix jetzt Our Planet produziert hat, zu dem schaue ich auf und bin mit ihm in Kontakt. Für unseren Film über Polarwölfe haben wir uns auch gegenseitig ausgetauscht und geholfen. Das ist schon cool.

Jetzt mache ich mal einen Sprung zurück in deine Vergangenheit – du hast 1988 ein eigenes Musiklabel für Indie-Pop gegründet, Marsh-Marigold. Gibt es das noch?

Ja, das wird aber vom Keyboarder meiner Band Knabenkraut Björn Steffens geführt, die wir 1995 gegründet haben. Wir machen das immer noch zusammen, aber im Hobbybereich. Er macht, was da anfällt, ich bin noch im Hintergrund. 2003 hatten wir mit dieser Band unsere erste Platte rausgebracht. 

Ich habe als singender Schlagzeuger angefangen, aber irgendwann das Schlagzeugspielen aufgegeben und singe jetzt nur noch in der Band und das macht Spaß. Wir sind sogar beim Tierfilm-Festival in Eckernförde aufgetreten, ich war 2016 in der Jury und bei der Organisation einer Party wurde ich gefragt, ob wir da nicht spielen wollen. Bedingung war aber, dass meinen Kollegen nicht erzählt wird, dass wir bei der After-Show-Party auftreten. Ich habe dann den Tarnanzug, den ich auch immer bei den Drehs dabei habe, über meinen schwarzen Anzug gezogen und bin damit aufgetreten und niemand hat mich zunächst erkannt. 

Mann trägt Tarnanzug
Oliver Goetzl im Tarnanzug. Im Hintergrund seine zahlreichen Auszeichnungen © Tonia Christie

Was kann man von Tieren lernen?

Tiere zerstören nicht ihre eigene Umgebung und Umwelt. Sie nutzen sie, aber es kommt nie zu einer Ausrottung oder Zerstörung. Wenn der Mensch nicht eingreift, regeneriert sich die Natur immer wieder von alleine. Es gibt natürlich Treiberameisen, die gehen auch über Leichen, die fressen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, aber die haben als Gruppe ihren Radius und organisieren sich nicht und wollen nicht die Welt übernehmen, wie wir Menschen das schon lange getan haben. Wir müssen zurück zur Natur in irgendeiner Form, wir sind ihr etwas schuldig und können nicht ohne sie.