"Am Ende gefällt es mir, dass die Flut kommt und unsere Spuren verwischt"

Im Gespräch mit der Autorin Katharina Hagena über emotionale Phänomene, Sehnsuchtslandschaften und die Gefahr des Meeres.

 - Mit Video Leseprobe am Ende des Interviews -

 

Liebe Katharina, woher kam die Idee für dein Buch „Mein Spiekeroog“?

Die Idee hatte ich eigentlich gar nicht. Das ist eine Reihe beim Mare

Verlag, die es schon sehr viele Jahre gibt. Sie heißt „Meine Insel“ und ich glaube es hat mit Fritz J. Raddatz angefangen, der „Mein Sylt“ geschrieben hat. Ich hatte große Sorge, dass jemand „Mein Spiekeroog“ schreibt, der nicht ich bin. Die Serie funktioniert so, dass deutsche Schriftsteller gefragt werden, über die Insel ihres Herzens zu schreiben. Dann bin ich endlich gefragt worden und war wirklich sehr erleichtert. Man kann in dieser Reihe eigentlich schreiben, was man will, man soll nur etwas über die Insel erfahren. Hans-Ulrich Treichel hatte mal eine sardische Liebe, mit der er mehrere Monate auf Sardinien verbracht hat und darüber hat er eine Liebesgeschichte geschrieben und ich glaube Mirko Bonné hat über Fehmarn und die Trennung seiner Eltern geschrieben. „Mein Spiekeroog“ ist persönlich und zum ersten Mal ein wirklich autobiografisches Buch: Ich bin ich und meine Mutter ist meine Mutter und mein Bruder mein Bruder. Diesmal geht es um meine eigenen Kindheitssommer auf der Insel Spiekeroog.

 

Wie oft bist du dafür hingefahren?

Mein ganzes Leben. Seit ich schwimmen kann, sind wir immer auf die Insel gefahren. Jeden Sommer. Ich komme ja aus Süddeutschland, meine Mutter aber nicht, die kam aus dem Norden und wuchs auf in diesem Haus, das auch in dem Buch „Der Geschmack von Apfelkernen“ vorkommt. Wir mussten also wegen des Heimwehs meiner Mutter jeden Sommer sechs Wochen in Norddeutschland verbringen. Von Karlsruhe aus ist man ja fast in einer Stunde in Frankreich oder in der Schweiz. Alle meine Freundinnen fuhren damals nach „Jugoslawien“, nach Italien oder Österreich und wir immer nach Spiekeroog. Ich fand es aber schön und hatte das Gefühl, dass das etwas ganz Besonderes war. Alle fuhren in die Sonne, nur wir in die Kälte und den Wind.

Hast du eine Lieblingsjahreszeit?

Ich finde es im Spätherbst, an goldenen Herbsttagen wirklich schön.

Dann ist der Queller, diese Salzpflanze, die in den Zwischenbereichen

des Watts wächst, ganz dunkelrot, purpurrot, wirklich ungewöhnlich.

Das Licht ist auch ganz anders, alles scheint von allein zu leuchten.

Die Schatten werden lang, die Strandkörbe sind weggeräumt, der

Strand wird ganz weit und die Stürme blasen alles Mögliche ans

Ufer. Die Seehunde kommen raus und gucken mal um die Ecke. Es ist

wirklich toll im Herbst.

 

Welche Rolle spielt Natur in deinem Leben?

Ich glaube, dass Natur eine wichtige Energiequelle und auch eine

Inspirationsquelle darstellt. Ich könnte mir nicht vorstellen,

Bücher zu schreiben, in denen Natur keine Rolle spielt.

 

Weil es dich erdet oder beflügelt?

Eine Mischung aus beidem. Mich interessiert die Natur in der Stadt, mich interessieren die Übergänge zwischen Urbanität und Natur. Mich

faszinieren solche Mikrokosmen- wie zum Beispiel das Moos, das auf

der Steinplatte da draußen wächst und zwischen den Fugen

herausquillt. Ich finde in Blankenese dieses verwilderte Grundstück

toll, wo der abgerissene Lebensmittelladen stand. Bis vor Kurzem war

es noch ganz zugewachsen, da war es eigentlich der interessanteste

Ort von ganz Blankenese. Und ich fände es toll, wenn man da einen

Brunnen oder eine Skulptur in die Mitte stellt und es dann einfach

lässt. Diese Naturräume in der Stadt, diese Mischform aus Natur und

Kultur gefallen mir. Die Mischung aus Menschengemachtem und dem, was von alleine entsteht. Ich glaube, darin liegt auch eine Parallele zur

Kunst: Wie viel ist Konstruktion und wie viel kommt von allein? Das

ist eigentlich das, was mich auch beim Schreiben interessiert.

 

Wie hast du die Insel verinnerlicht?

Völlig! Ich finde es heikel ein Buch zu schreiben, das „Mein Spiekeroog“ heißt, weil „Mein“ etwas mit Aneignung und Ermächtigung zu tun hat. „Mein“ ist ein besitzanzeigendes Fürwort und damit oftmals besitzergreifend. Ich mag auch nicht diese Bücher – „Mein naher Osten“ oder so. Das klingt gleich irgendwie kolonialistisch

(lacht). Von daher habe ich in meinem Spiekeroogbuch im Vorwort bzw. Fürwort über dieses „Mein“ reflektiert und darüber

geschrieben, dass es sich weniger um eine Einverleibung meinerseits

als inselseits handelt. In dem Buch zeige ich, dass ich zwar über

die Insel gehe, aber die Insel ist auch über mich hinweggegangen. Es

ist eine gegenseitige Einverleibung.

 

 

"Das Nachdenken über die Insel ist auch immer

ein Nachdenken über Sprache"

 

 

Hast du alte Erinnerungen aufgeschrieben oder neue Gedanken oder beides?

Beides. Es sind Erinnerungen und Gefühle von früher oder später, die ich dann aber nochmal reflektiere. Das Buch ist auch eines über

Sprache. Wenn ich über meine Kindheit schreibe, muss ich über

Sprachfindung, über Wörter und meine persönlichen Erfahrungen mit

Gedichten schreiben. Das Nachdenken über die Insel ist auch immer

ein Nachdenken über Sprache. Ja, jede Erinnerung ist letztlich eine

Sprache. Versprachlichung von Erlebtem. In dem Moment in dem ich mich erinnere, schreibe ich schon eine Geschichte. Deswegen ist ein

Erinnerungsbuch immer auch ein Buch über das Schreiben. Da

Erinnerungen sich ständig verändern, ist diese Insel eben auch

geradezu sinnbildlich zu sehen, weil ja auch die Insel sich immer

verändert. Jeden Sommer sieht der Strand anders aus. Nach

Sturm „Sabine“, ist am Zeltplatz hinten ganz viel weggebrochen.

Wenn du auf der Insel ankommst, weißt du nie genau, wie dieses Jahr

der Strand aussieht. Die Strömung schiebt irgendwo eine Sandbank vor den Strand, oder eine Sandbank rollt weiter und wird zur Düne und plötzlich sieht man ein Wrack, das nur alle paar Jahre mal

auftaucht. Genauso funktioniert letztendlich unser Gedächtnis.

Deswegen ist es für mich ganz klar, dass ein Buch, das sich aus

Erinnerungen speist, immer auch ein Buch über das Erzählen sein

muss.

Katharina Hagena auf Spiekeroog
Katharina Hagena auf Spiekeroog

 © Privat

 

Und über Gefühle auch?

Natürlich. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Erinnerungen sind ja letztendlich emotionale Phänomene und werden getriggert durch

Gerüche, durch Geräusche. Wenn du in deinen Strandkorb gehst, wenn

du die Möwen schreien hörst - das macht etwas mit deinem Herzen

oder mit deinem Bauch, mit deinem ganzen Körper. Ich glaube, das

Wesen von Erinnerung ist Emotionen, bei denen dann eine Art von Film abläuft, der aber immer wieder ein wenig variiert.

 

Wo hast du die verschiedenen Phasen deines Älterwerdens auf der Insel verbracht? Auf dem Zeltplatzkiosk?

Nein, es gibt die Zeltplatz-Fraktion und die anderen. Die Zeltplatz-Leute waren cool und wild, aber wir Pensionsgäste waren brav, und ich war leider bei den Spießern. Deswegen finde ich Fiktion interessanter

als wahre Geschichten. Die Qualität einer Autorin oder eines Autors

kann doch nicht am Interessantheitsgrad ihrer Erfahrungen gemessen

werden. Als Kinder waren wir immer in derselben Pension, bei

denselben Leuten. Ich mag es, dass ich alles auf Spiekeroog so gut

kenne. Du kannst mich mit geschlossenen Augen irgendwo absetzen und ich kann am Geruch oder am Geräusch erkennen, wo ich mich befinde. Das Schöne an dieser Vertrautheit ist, dass alle Anspannung und Unruhe von mir abfallen, sobald ich die Fähre betrete. Ich weiß, wo ich meine Milch und meine Brötchen kaufe. Den Weg zum Strand kann ich mit geschlossenen Augen gehen. Mehr bedarf es nicht.

 

 

"Das Schöne an Vertrautheit ist, dass alle Anspannung und Unruhe von mir abfallen"

Also ist es schon ein Stück Heimat?

Ja, ich glaube schon. Ich glaube, dass ich in dem Moment, wo ich „mein Spiekeroog“ sagen kann, mich auch zuhause fühle. Es ist ja auch nett – die Mädchen, mit denen ich damals gespielt habe, kommen immer noch auf die Insel. Unsere Kinder haben auch schon miteinander gespielt. Und das alles hat eine Kontinuität, die sich ziemlich heimatlich anfühlt.

 

Welche Spuren hast du auf der Insel hinterlassen?

Hoffentlich nicht so viele. (lacht) Ich weiß, dass ich früher böserweise

Wattflieder gepflückt habe, den ich dann getrocknet habe. Und weil

die anderen das auch gemacht haben, haben wir ihn fast ausgerottet.

Zum Glück gibt es ihn inzwischen wieder. Das ist eine Spur, über

die ich nicht erfreut bin. Ich möchte eigentlich gar keine Spuren

auf der Insel hinterlassen. Mir gefällt die Vorstellung, dass man

Sachen dort liegengelassen hat, die jetzt in der Insel verborgen

sind. Ich habe vor vielen, vielen Jahren mal ein Armband am Strand

verloren und das liegt jetzt vielleicht irgendwo unten in einer Düne,

ein silbernes Kinderarmband mit kleinen Muschelanhängern. Aber am

Ende gefällt mir, dass die Flut kommt und all unsere Spuren

verwischt. Und so verwischen sich auch meine Erinnerungen oder mein Buch, werden zu einem Teil der Insel oder einem Teil der Erinnerungen von anderen Leuten.

 

Welche Gefühle werden stärker, wenn man verreist?

Es kommt immer darauf an, wohin man verreist – manchmal ist es mit

Anspannung verbunden, wenn man die Sprache nicht spricht, die Kultur nicht gut kennt. Aber diese Anspannung ist auch mit erhöhter

Aufmerksamkeit und einer besonderen Empfangsbereitschaft verbunden. Doch wenn man an Orte reist, die man gut kennt, ist es oft so ein Nach-Hause-Kommen. Aber das hat auch manchmal zur Folge, dass man nicht mehr so genau hinsieht. Ich glaube, man kann auch an Orte nach Hause kommen, an denen man noch nie war. Ich glaube, dass man eine Art Sehnsuchtslandschaft in sich trägt. Für manche sind es die Berge, für manche ist es das Meer, für manche die Südsee. Bei mir geht am ehesten an der Nordsee oder am Atlantik das Herz auf. Meistens auf Inseln.

 

Entdeckst du immer noch etwas Neues, jedes Mal, wenn du hinfährst?

Ja, je besser ich etwas kenne, desto mehr Details kann ich entdecken. Es ist eine Frage, wie man reisen möchte: Geht man lieber in die Tiefe

oder geht man lieber in die Weite? Ich muss mindestens drei Tage an

einem Ort gewesen sein, um das Gefühl zu bekommen, überhaupt

dagewesen zu sein. Ich kann, glaube ich, nicht so gut „on the road“

sein. Je besser ich einen Ort kenne, desto weniger muss ich darauf

achten, ob ich jetzt den richtigen Weg eingeschlagen habe und kann

deshalb zum Beispiel auf einzelne Pflanzen achten, auf den

Unterschied des Lichts im Vergleich zu gestern oder zum letzten Jahr.

Ich möchte nicht auf Straßenschilder achten müssen, sondern lieber

auf die Risse in den Steinplatten.

 

Welche Farben assoziierst du mit der Insel?

Im Winter ist es erstaunlich grün, weil das Moos nass ist und nicht

schwarz und vertrocknet. Im Sommer hat die Insel eher einen

silbergrauen Ton, weil sich der Strandhafer im Wind bewegt und

graugrün schimmert. Auch das Meer ist grau, blau, silber und grün.

Die Dünen sind grau oder braungrün oder beige. Es sind eher feine

Nuancen. Klar leuchten auch die Heckenrosen, aber es ist nicht so wie

in Griechenland, wo du knallblaues Meer und blendend weiße Häuser

und leuchtend gelbe Blumen hast. Alles auf Spiekeroog ist mit Grau

abgemischt, was mir gut gefällt.

 

Hast du einen Lieblingsort auf der Insel?

Nicht nur einen. Es gibt ganz viele kleine Orte, die Insel ist sowieso so

klein. Ich bin am Ende aber doch nur ein Gast. Ich möchte nicht zu

denen gehören, die ein paar Mal irgendwo hinfahren, und dann sagen,

ja, das ist meine Insel, hier bin ich zuhause und dies oder das ist

mein Lieblingsort. Ich finde das vermessen. Als wolle man sagen, ich

bin einheimisch und eigentlich schon halber Insulaner. Frag mal die

Insulaner, was die darüber denken.

 

 

"Deine Sinne sind permanent gereizt"

 

 

Welchen Reiz übt das Meer aus?

Das Gefährlichste auf Spiekeroog ist das Meer. Es gibt jedes Jahr Leute, die dort ertrinken, und es sind nicht unbedingt die Betrunkenen, die Alten oder die Schwachen. Meistens ertrinken die, die gut schwimmen können und versuchen, die Alten und Schwachen zu retten. Das Meer ist wirklich das Gefährlichste auf Spiekeroog. Es gibt keine Autos, nichts Böses, keine Verbrecher, keine schlimmen Drogen, aber es gibt das Meer. Aber Reiz und Meer gehören auf Spiekeroog ganz stark zusammen. Ich glaube das „Reizklima“ auf der Insel wirkt in jeder Hinsicht. Deine Sinne sind permanent gereizt: Du hast ständig rote Augen, Sand zwischen den Zähnen und die Salzkristalle ziehen an den Härchen auf deinem Arm. Du hast immer Hunger oder Durst, es ist dir zu heiß, oder du frierst. Die Leute gehen dort hin, um besser atmen zu können. Denn selbst das Atmen ist intensiver als woanders. Wenn du in der Stadt bist, wie in Hamburg, versuchst du möglichst flach zu atmen, um nicht den Feinstaub der ganzen Containerschiffe einzuatmen. Aber auf Spiekeroog hast du wirklich das Gefühl, das Atmen ist eine weitere Sinneswahrnehmung, etwas zwischen Schmecken und Fühlen und Tasten, mit den Flimmerhärchen als Fühler. Es ist eine große Intensität mit ganz wenig Mitteln. Andererseits geht nirgendwo das Internet richtig gut, am Strand hast du Funklöcher, und im Fernsehen laufen keine gescheiten Programme. (lacht) Es gibt keine Autos, keine Klubs, keine laute Musik, und der Minigolfplatz ist auch weg. Es ist also total reizarm, aber deine Sinne sind ständig gereizt. Das alles kommt vom Meer, das du Tag und Nacht um die Insel brausen hörst. 

 

Warum ist das Meer so faszinierend?

Ich habe 2006 ein Buch bei Mare geschrieben über das Meer („Was

die wilden Wellen sagen“) und es ging um Ulysses (James Joyce). Um das gleiche Thema ging es auch in meiner Doktorarbeit, und deshalb hatte ich jahrelang das Gefühl, wenn ich ans Meer fahre, dann arbeite ich, (lacht) was toll war. In dem Spiekeroogbuch gibt es auch ein großes Kapitel über das Meer, über Sprache und Meer und wie sich die beiden bedingen. Die Schönheit des Meeres drängt mich an den Schreibtisch, obwohl ich nicht gerne Meerestexte lese. Es bewegt mich und entzieht sich dennoch einer sprachlichen Erfassung. Diese Spannung oder Ambivalenz zieht sich durch mein Leben.

 

Hast du ein Schreibritual?

Nee, leider nicht. Ich sollte vielleicht eins haben, dann würde ich mehr

schreiben. Ich brauche ein leeres Haus - wenn ich schreiben will,

müssen alle weg sein. Ich will einfach, dass sich nichts bewegt,

außer das, was ich bewege. Morgens kann ich besser schreiben als

nachmittags, das liegt aber eher an meiner Fremdbestimmung durch die Familie. Am Anfang eines Romans schicke ich immer alle erst mal zwei Wochen raus, damit ich etwas Neues schaffen kann. Zwischen Budni und Essen kochen kann ich keinen Roman beginnen. Dafür brauche ich erst mal vierzehn Tage am Stück, wo ich wirklich über nichts außer meine Geschichte nachdenke, nicht über Krankheiten, über Schuldinge, über nichts. Ich möchte morgens aufstehen und über

meinen Text nachdenken und abends ins Bett gehen und über meinen

Text nachdenken. Ich rede mit keinem und treffe mich mit niemandem. Das mache ich aber nur am Anfang eines Schreib- prozesses. Danach geht es ganz normal weiter: vormittags möglichst immer, nachmittags, so oft es geht.

 

Gibt es schon eine neue Idee für ein Buch?

Ja, ich würde schon gerne mal wieder einen Roman schreiben. Dafür sind die Ferien da, ich schicke erst mal alle weg, und dann hoffe ich auf Eingebung.

Video: Katharina Hagena liest aus "Mein Spiekeroog".