Interview mit Johanna Faust - Filmemacherin und Künstlerin

  

Wie schaffe ich es, eine gute Mutter zu sein und gleichzeitig meinen Weg als Künstlerin zu gehen? In ihrem Dokumentarfilm "I'LL BE YOUR MIRROR"  begibt sich die Filmemacherin Johanna Faust auf eine sehr persönliche Reise, um ihre eigene Familiengeschichte künstlerisch aufzuarbeiten. Ein Gespräch über Muttersein, Selbstverwirklichung und generationsübergreifendes Schweigen.

Schwarz Weiß Portrait von Johanna Faust
Foto Gregor Brändli

Liebe Johanna, wann war für dich klar, dass die Reise mit deinen Kindern und deinem Partner, von der Schweiz über Amerika, wo deine Mutter lebt, bis nach Mexiko, nicht nur eine Begegnung mit deiner Mutter war, sondern auch eine Aufarbeitung der Vergangenheit deiner Familie und deiner Selbstverwirklichung? Also, wie du im Film sagst: - „Ich erkläre meine Mutter und mich zum Projekt“.

Ganz am Anfang stand mein Konflikt: Wie schaffe ich es, eine gute Mutter zu sein und gleichzeitig meinen Weg als Künstlerin zu gehen? Ich wollte damals für einen Master in Interdisciplinary Arts bzw. Social Sculpture Research an der Oxford Brookes University nach England gehen. Mein Partner wäre mit unseren Kindern in Berlin geblieben. Allerdings gab es Bedenken aus unserem Umfeld und plötzlich sind in mir

Fragen über die Kindheit meiner Mutter hochgekommen. Die Frage nach meiner Selbstverwirklichung hat sich also zu Beginn gestellt und war der Antrieb, überhaupt meine Mutter zu befragen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, diese Auseinander- setzung mit der Vergangenheit nur auf künstlerische Weise angehen zu können. Deshalb habe ich an einen Film gedacht und eine befreundete Kamerafrau, Ute Freund, hat mich von Beginn an begleitet. Nach den ersten intensiven Gesprächen und Drehs mit meiner Mutter, für die wir,­ - ich aus Berlin, und meine Mutter aus den USA, in die Schweiz gekommen sind, ist mir klar geworden, dass die Reise noch viel weiter geht. Einerseits zu meiner Mutter in die USA, nach Mexico, aber auch tiefer in die Vergangenheit bis zu meiner Urgroßmutter. Dabei wurde die Frage nach der transgenerationalen Weitergabe von Traumata und ihre Auswirkungen bis zu mir und meiner Tochter zentral. Von meiner Urgroßmutter bis zu meiner Tochter sind es fünf Generationen, da lässt sich vielleicht etwas aufzeigen. Das Medium Film schien mir dabei geradezu perfekt. 

Warum hast du die Herangehensweise über das Filmen gewählt, um deine Familiengeschichte zu erzählen? Wie frei warst du während des Drehs?

Sich mit den Prägungen der eigenen Mutter zu befassen, ist nicht unbedingt attraktiv. Ich hatte große Widerstände. Eine Herangehensweise und Form zu finden, die mir auch Lust und Freude bereitet, war für mich wichtig. So habe ich den Entschluss gefasst, aus dem persönlichen Stoff, mit dem ich ringe, ein Filmprojekt zu machen. Als Künstlerin versuche ich Themen, die mich persönlich beschäftigen, anhand eines

geeigneten Mediums künstlerisch zu bearbeiten. Ob es nun Film oder ein Bild oder ein Text ist, den ich schreibe. Ich versuche etwas zu transformieren und für andere

Menschen zugänglich zu machen. Meine persönlichen Fragen sind universell: Inwiefern bin ich geprägt von den Entscheidungen der vergangenen Generationen? Frauen in meiner Familie haben auf bestimmte Weise ihr Muttersein gelebt. Wie wirkt eine Prägung oder eine Traumatisierung in mir? Kann ich diese erkennen und mich davon befreien? Wie kann ich, angesichts dieser prägenden Einflüsse aus der Vergangenheit, selbstbestimmt handeln? Einflüsse, die mich nicht frei sein lassen, so zu handeln, wie ich es will?

 

Ist es dir dadurch leichter gefallen, in Kontakt mit deiner Mutter zu kommen? An ihre Gefühle, ihren Zwiespalt, ihren Schmerz? – Fragen aus deinem Film, die du gerne deiner Großmutter gestellt hättest, die, wie auch deine Mutter, als Kind allein gelassen wurde?

Ja, ganz bestimmt. Die Kamera hat mir sehr geholfen, mich dieser Auseinandersetzung mit meiner Mutter zu stellen. Einerseits eine gewisse Distanz zu wahren und andererseits eben Bilder zu finden, die diese Emotionen zum Ausdruck bringen. Ich empfinde den Film als ein großartiges Tool dafür.

 

 

Film Zitat:

‚Ich hatte gedacht, Muttersein müsste mich doch erfüllen, aber innerlich sehne ich mich danach wieder meine Kunst zu machen‘

 

 

Indem du über das Verborgene sprichst, durchbrichst du das Verhaltensmuster, welches über Generationen von Frauen/Müttern in deiner Familie weitergegeben wurde. Was hat dich dazu bewogen?

Als ich meine Familie für die Kunst verlassen wollte, habe ich plötzlich erkannt, dass ich darin einem Muster in meiner Familie folge. Schon meine Großmutter und Urgroßmutter hatten diese Entscheidungen getroffen. Obwohl meine Mutter mich und meine Geschwister nicht verlassen hatte, waren die Auswirkungen bei ihr spürbar. Ich wusste zwar auch, dass für meine Kinder die Situation eine wesentlich andere ist, da mein Partner eine aktive Rolle für die Kinder gespielt hat und für sie

da war. Trotz allem wollte ich auf keinen Fall etwas wieder- holen, was sich in meiner Familie selbstverständlich anfühlt, aber nie reflektiert wurde. Ich wollte im Grunde einfach mehr über meine Familie wissen, um wirklich selbstbestimmt handeln zu können. 

 

Im Film wirkt deine Mutter manchmal abwesend. Es erscheint wie ein innerlicher Rückzug, um die Konfrontation zu meiden. Wie hast du deine Mutter als Kind/Jugendliche erlebt?

Es war sehr unterschiedlich, einmal sehr abenteuerlustig und frei, dann aber wieder total überfordert und auch sehr streng mit uns Kindern. Manchmal schien sie komplett außer Gefecht gesetzt und passiv. Aus heutiger Sicht kann ich sie besser

verstehen, weil ich weiß, dass sie unter Bipolarität litt, es damals aber noch nicht wusste, heute helfen ihr gewisse Medikamente.

 

 

Film Zitat:

 Ist es möglich, dass die Leere, die ich fühle, gar nicht zu mir gehört, sondern die Leere meiner Mutter ist?

 

 

Bei manchen Szenen filmst du selbst, oft wirst du aber gefilmt. Wie war es für dich, vor der Kamera zu agieren und in persönlichen Momenten gefilmt zu werden?

Das war für mich überhaupt kein Problem. Ich hatte eine existenzielle Krise und mir war es wirklich ernst. Da gab es auch Momente, in denen ich dachte: Egal, was aus dem Film wird, dieses Gespräch ist jetzt wichtig. Ob ich im Bild bin oder nicht, spielte keine Rolle. 

Wer filmt noch außer dir?

Neben der erfahrenen Kamerafrau Ute Freund, hat auch mein Partner Jeremias Holliger viel gefilmt, vor allem auf den Reisen mit der Familie 2016 in den USA.

 

Hattest du dir die Fragen an deine Mutter vor dem Dreh überlegt oder haben sie sich in den Gesprächen auf der Reise ergeben?

Vieles hat sich sehr spontan ergeben, weil ich wirklich etwas herausfinden wollte. Es sind ja auch weniger klassische Interviewsituationen, sondern eher Gespräche.

 

 

 Film Zitat:

Liebe Mama, red mit mir‘

 

 

In einer starken beeindruckenden Szene, sprichst du mit deiner Mutter, die auf einem Sofa sitzt. Du bist als Spiegelung im Fernseher am Bildrand zu erkennen, deine Mutter hingegen dominiert fast das ganze Bild. Im Gespräch geht es um den eigenen Platz im Leben. Deine Mutter wohnt in den USA mit ihrem Mann und ihrem Bruder in einem Haus, in dem es durch das Dach regnet, die Fenster zur Straße hin abgedunkelt sind und überall Gegenstände herumstehen, sodass es keinen Platz mehr zum Sitzen gibt.

Wie hast du dich gefühlt, als du von den Umständen erfahren hast, in denen deine Mutter lebt und dass sie eigentlich keinen richtigen Platz im Haus hat?

Zuerst war ich total schockiert und dachte, o. k. das ist dann eben die Konsequenz dieser traumatischen Erfahrungen in der Kindheit meiner Mutter und war total wütend auf meine Großeltern. Ich musste aber auch lernen, zu respektieren, dass

meine Mutter dieses Leben gewählt hat und mit ihrem Mann und Bruder sich so arrangiert hat, dass es für sie lebenswert ist. Ich kann natürlich nicht bestimmen, was für sie gut ist. Es ist immer eine Gratwanderung und nicht leicht, damit

umzugehen, insbesondere wenn es die eigene Mutter ist.

 

Filmplakat "I'll be your mirror" mit Familienfotos und Stammbaum
Grafik Vera Reifler

Woher kommt die künstlerische Ader in deiner Familie, die schon deine Großmutter in ihrem Kunststudium ausgelebt hat?

Meine Urgroßmutter wollte schon Künstlerin werden und ist in der Zeit der Avantgarde aus den USA nach Paris gereist. Sie hatte Bekanntschaft zu Paul Gauguin und vielen weiteren, heute berühmten Künstlern. Sie wollte damals auch Malerei

machen. Doch dann merkte sie, dass sie sich eher für die aufkommende Reformation der Pädagogik interessierte und machte es zu ihrem Projekt. In der Frauenlinie mütterlicher- seits gab es einige Malerinnen, dieser Einfluss ist schon stark.

Film Zitat: 

‚A wild and crazy, good girl‘

Als du elf Jahre alt warst, ist dein Vater aus deinem Leben verschwunden. Im Film sagst du es ist wild und einsam geworden zu Hause" und deine Mutter hat sich nur um sich selbst gekümmert". Kannst du dich daran erinnern, welche emotionale Unterstützung deine Mutter in dieser Zeit bekommen hat? Was hat dir in dieser Zeit geholfen?

Wie ich im Film ja erwähne, war meine Mutter zu der Zeit zwei-, dreimal bei einem Psychologen. Das hat ihr sicher sehr geholfen. Auch hatte sie ein paar Freundinnen, die genauso durchgeknallt waren wie sie, die aber auch viel Abenteuer zusammen erlebten, das hat ihr sicher auch geholfen.

Mir hat sicher die Kunst geholfen. Ich habe damals begonnen, zu malen. Ein Bild, das ich gestaltete, konnte mir nicht davonlaufen, ich konnte die Prozesse kontrollieren. Ich hatte sehr stark das Bedürfnis, ein normales, geregeltes Zuhause

zu haben. Viel Zeit habe ich bei meinen Freundinnen in gutbürgerlichen Haushalten verbracht. Es fühlte sich zwar immer sehr einengend an, dafür war das Essen lecker

und es gab mir ein Gefühl von Stabilität und Kontinuität, die mir fehlte. Die jeweiligen Mütter haben mir emotional zu spüren gegeben, dass ich aus einer dysfunktionalen Familie komme und sie kein Auffangbecken sein wollten, das war hart.

 

Durch deinen Film hast du das erreicht, was deiner Mutter und Großmutter zuvor nicht gelungen ist – Selbstverwirklichung und Muttersein zu vereinbaren. Siehst du das auch so?

Ja, bis zu einem gewissen Grad schon. Das war für diesen Prozess wichtig, es eben gerade nicht gleichzumachen und auch zu testen, ob es anders geht. Mein Partner spielt dabei eine wichtige Rolle. Er hat sich als Vater sehr stark eingebracht und Verantwortung für die Kinder und den Haushalt übernommen und zudem mit am Projekt gearbeitet. Es ist auch ein Privileg, wenn man die Möglichkeit hat, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. Dazu braucht es einen starken Willen, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die in der Schweiz leider bis heute nicht wirklich gegeben sind.

Die schöne sphärische Musik im Film unterstreicht auf melancholische Weise einzelne Szenen. Wie bist du auf den Musiker Fred Frith gekommen?

Ich habe den Film „Step across the border“ gesehen und war begeistert. Über diesen Film lernte ich Fred Frith und seine Arbeit kennen. Seinen Zugang zur Musik und seine Haltung zur Kunst und dem Leben hat mich sehr berührt. Ich habe ihn schon sehr früh, ganz zu Beginn des Projektes angeschrieben und er hat sofort geantwortet und zugesagt. Er selbst als Musiker und seine Frau als bildende Künstlerin standen mit ihrer Familie genau in demselben Konflikt und konnten sich

daher sehr stark mit meinem Filmthema identifizieren. Das war ein großes Glück und wurde eine wundervolle Zusammenarbeit. Mir hat die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Menschen, die an der Entstehung eines Films beteiligt sind, sehr viel Spaß gemacht und es ist ein unglaublich schöner Prozess.

 

Wie gelingt es dir heute, deine Kunst und das Familienleben in Einklang zu bringen? Ist es einfacher für dich geworden?

Ja, viel einfacher. Ich weiß jetzt heute, dass ich ohne Kunst nicht leben kann. Ich habe auch beobachtet, dass sobald ich damit aufhöre, bei mir sofort wieder diese Leere kommt und ich mich deshalb in diesem Prozess befinden muss, damit es mir gut geht. Und die Kinder sind natürlich auch älter geworden und selbstständiger. Gleichzeitig kommen sie nun in die Vorpubertät, was auch unglaublich herausfordernd ist. Das

Wichtigste dabei ist aber, zu wissen, dass ich als Frau nicht alleine verantwortlich bin für die Familie und die Kinder. An diesem irrsinnigen gesellschaftlichen Vorurteil sind die Frauen in meiner Familie nämlich gescheitert. Da haben wir aber auch noch viel zu tun, denn selbstverständlich ist es noch immer nicht, dass Männer zu gleichen Teilen Verantwortung für Kinder und Haushalt übernehmen.

 

Welchen Rat würdest du deiner Tochter heute mit auf den Weg geben, wenn es um das Thema Selbstverwirklichung geht?

Sie ist jetzt 26 Jahre alt und sagt mir, dass sie bis anhin [schweizerisch „bisher“] echt kein Bock hat auf Familie und darin unterstütze ich sie auch sehr. Ich finde, dass es immer noch ein Tabu ist, wenn Frauen keine Kinder wollen. Ich versuche sie in den Entscheidungen zu bekräftigen, wie sie ihren Weg gehen will. Auch wenn sie sich ein Leben ohne Kinder vorstellt. Ich glaube das Wichtigste, was ich ihr dabei mit auf den Weg geben konnte, war meine Ehrlichkeit und die Kommunikation meiner Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Fragen. Ich glaube es gibt kein Richtig und Falsch. Wichtig ist die ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen und den eigenen Prägungen und den gesellschaftlichen Wertvorstellungen, die diesen im Weg stehen.

 

 

Film Zitat:

‚Du musst mir nicht sagen, dass du mich liebst – das merke ich auch so‘

 

 

Warum glaubst du, sind die Themen Abgrenzung, Erfüllung und Selbstbestimmung für Frauen immer noch so schwer umzusetzen?

Ich glaube das liegt daran, dass man uns Frauen über so eine lange Zeit eingetrichtert hat, dass unser Platz zu Hause hinter dem Herd ist. Ich sehe, dass wir ja heute noch immer Mühe haben, uns selbst einzugestehen, dass uns das schlicht

und einfach total langweilt. Das traut sich ja bis heute kaum eine Mutter zu sagen. Und gleichzeitig springt einem auf Instagram das Gegenteil ins Gesicht. Nämlich das absolute Verherrlichen diese Aufgabe, indem das rein äußerliche Bild einer glücklichen Familie zelebriert wird. Das harmonische Bild der hübschen Mutter mit den süßen strahlenden Kindern. Das finde ich richtig schlimm. Es gibt zum Glück aber auch immer mehr andere Stimmen. Das finde ich wichtig.

 

In welcher Form wird dein nächstes Projekt erscheinen?

Ich möchte mich weiter und vertieft mit dem Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata auseinandersetzten. Nachdem ich mich damit in Bezug

auf mich und meine Familie beschäftigt habe, interessieren mich nun historische Traumata und deren Auswirkungen auf ganze Gesellschaften. Mit meinem nächsten Projekt möchte ich mich aber noch stärker mit den Möglichkeiten beschäftigen, mit

Traumatisierungen umzugehen und sie in das Leben zu integrieren, sodass sie uns nicht bestimmen und unfrei machen.


Link zum Podiumsgespräch als Einstimmung zum Film - mit Anika Redlich, Verein Postpartale Depression Schweiz, Franziska Schutzbach, Gender Forscherin und Professorin an der Uni Basel und Marcy Goldberg, Filmhistorikerin.