Interview mit dem Autor Joachim B. Schmidt

Ende Februar habe ich ein Zoom-Interview mit dem in Island lebenden Autor Joachim B. Schmidt geführt, über seinen raffinierten und unterhaltsamen Island-Krimi "Kalmann". Bevor unser Gespräch beginnt, erzählt er mir von seinem unruhigen Tag:

Es gab heute viele heftige Erdbeben. Es fing um zehn Uhr an und dauerte etwa eine dreiviertel Stunde. Alles wackelte und klapperte. Es gab heftige Stöße und lauten Donner. Mittags, als ich draußen stand, habe ich es dann noch mal gespürt. Der Boden hat heftig gezittert. Es war ein komischer Tag!

Passiert das oft in Island?

Ja, Erdbeben kommen öfter vor. Ab und zu spürt man einen Stoß. Aber heute gab es viele heftige Stöße – der schwerste war 5,7. Das war etwa 20, 30 km von Reykjavík entfernt. Es ist ein bisschen unangenehm und auch aufregend. Für mich auch etwas, was ich erst kenne, seit ich in Island wohne. 

Mann lehnt sich an Holzzaun und guckt in die Kamera
Joachim B. Schmidt © Eva Schram

Lieber Joachim, dein Krimi „Kalmann“ spielt in Raufarhöfn, einem kleinen abgelegenen isländischen Küstenort. Dort wohnt auch der gleichnamige Protagonist deiner Geschichte. Er ist ein eigensinniger Charakter und hat keine Logik in seinem Kopf, „in dem bloß Fischsuppe sei“, wie du es beschreibst. Als Leser*innen erleben wir durch Kalmanns vermeintlich naive und eigenwillige Art des Erzählens, wie ein Verbrechen aufgeklärt wird. Wie bist du auf den Namen Kalmann gekommen?

Für Kalmann habe ich einen Namen gesucht, der sehr bodenständig und selten ist. Und dieser Name ist für Island sehr selten, aber auch Isländisch. Der Name musste so sein, dass man ihn einfach lesen kann. Vom isländischen Schriftsteller Jon Kalman Stefansson, der eins meiner großen Vorbilder ist, kenne ich den Namen. Ich habe auch ein bisschen recherchiert, da es mir immer wichtig ist, was die Namen bedeuten. Kalman heißt kleine Taube und das passt wunderbar. Bodenständig und harte Schale, weicher Kern. Das beschreibt eigentlich den Kalmann ziemlich schön. 


Kalmann lebt in seiner eigenen Welt und macht sich seine eigenen Gedanken darüber:

 

"Wenn einer spurlos verschwindet, dann ist das sein Problem"

 

"Lügen darf man nur, wenn man einen beschützen will, zum Beispiel einen Freund oder eine Freundin"

 

"Wenn alles weiß ist, weiß oben, weiß unten, weiß rundherum, geraten die Sinne durcheinander"

 

"Ich zuckte mit den Schultern – nur Blut, sonst nichts. Kein Grund zur Sorge" 

 


Fiel es dir leicht, solche Gedankengänge zu entwickeln?

Ja, das fiel mir leicht [lacht]. Seltsamerweise fiel mir das sehr leicht. Beim Schreiben habe ich die Person Kalmann schnell erfasst und quatschen lassen oder sich die Dinge überlegen lassen. Manchmal habe ich geschrieben, ohne mir darüber zu viele Gedanken zu machen. Es war eigentlich ein sehr schneller Schreibprozess. Es war übrigens mein erstes Buch, das ich auf einem Laptop geschrieben habe – vorher habe ich den ersten Entwurf immer von Hand gemacht. Ich kann viel schneller am Computer schreiben und vielleicht sind solche Sachen deshalb aus mir herausgerutscht. Wenn man sich zu viele Gedanken macht, kommt man gar nicht auf diese einfachen Lösungen. Die Weisheiten hat der Kalmann irgendwie so eingefädelt. Es hat Spaß gemacht, das Buch zu schreiben. 

Wo hast du die meiste Zeit an deinem Buch geschrieben?

Mein Lieblingsort ist die Universitätsbibliothek hier in Reykjavík. Da fühle ich mich sehr wohl und habe meine Ruhe. Um mich herum arbeiten auch Leute und ich brauche diesen Ansporn. Wenn ich alleine zu Hause in der Küche sitze, dann sehe ich so viele Arbeiten, die ich eigentlich erledigen müsste und die mich ablenken. Eine Weile war die Bibliothek wegen Corona geschlossen und da habe ich dann am Küchentisch gearbeitet. Manchmal auch nachts oder ich bin ganz früh um vier oder fünf Uhr aufgestanden, wenn es dunkel ist und alle schlafen.

 

Wie lange hast du für das Buch gebraucht? 

Alles in allem vielleicht ein Jahr. Das Buch habe ich schnell geschrieben, aber die Entstehungsgeschichte hatte ich schon lange im Kopf. 

In deinem Buch geht es viel um Spurensuche und ums Jagen. Kalmann und sein Großvater sind leidenschaftliche Grönlandhai- und Polarfuchs-Jäger. Welche Verbindung hast du zum Jagen?

Ich habe keine direkte Verbindung zum Jagen, aber eine starke Verbindung zur Natur. Ich bin in der Schweiz auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe auch hier in Island auf einem Bauernhof gearbeitet. Die Verbindung zwischen uns Menschen und den Tieren kommt in meinen Arbeiten immer wieder vor. Vor allem wie wir mit ihnen umgehen und das ist vielleicht meine Verbindung zum Jagen. Ich versuche meistens über das zu schreiben, was ich kenne, weil das mir einfacher fällt. Ich bringe aber auch Elemente mit in die Geschichte, die mich interessieren, weil ich sie nicht kenne, über die ich dann recherchiere. Und das Jagen ist so ein Thema. Die Jagd auf Grönlandhaie finde ich sehr spannend. Und der Polarfuchs ist einfach ein wunderschönes Tier und den wollte ich im Buch haben. Ich habe ihn gebraucht, um Kalmanns Gemütszustand zu zeigen. Er begleitet Kalmann durch die Geschichte und nimmt ein ganz böses Ende. Wenn es dem Polarfuchs nicht gut geht, dann geht es dem Kalmann eben auch nicht mehr so gut. 

Buch Cover Roman Kalmann von Joachim B. Schmidt Diogenes Verlag
© Tonia Christie

Deine Beschreibungen sind oft berührend, empathisch und humorvoll. Da kann sogar eine Blutlache im Schnee zu einem schönen Bild werden. Gab es ein Verbrechen in Raufarhöfn oder in der Umgebung von Reykjavík, das dich beim Schreiben beeinflusst hat?

Nein, die Geschichte ist erfunden. Es gab Eisbären und auch Begegnungen zwischen Eisbären und Menschen, die tödlich ausgegangen sind. Der ganze Kriminalfall um die Geschichte herum ist schon sehr isländisch. Vor ein paar Tagen, sehr tragisch – gab es einen Mord in Island. Statistisch gibt es etwa ein bis zwei Morde pro Jahr und das ist dann immer ein Ereignis und wird täglich in den News behandelt. Ich war positiv überrascht, wie die Sache von den Medien behandelt wurde. Die Interviews mit dem Kommissar sind ganz ähnlich wie sie bei mir im Buch auch sind. Man will alles wissen, aber kann und will nicht zu viel sagen. Das geht dann bei uns so ins Detail, wie man es in der Schweiz oder Deutschland eigentlich nicht kennt. Dort gibt es täglich Morde, würde ich jetzt mal vermuten und das wird nur noch so nebenbei erwähnt. Bei diesem Mord in Island waren viele Nationen beteiligt. Es geht auch um ausländischen Drogenhandel etc. Das sind schon so Geschichten, die es in Island gibt und die man immer mal wieder hört. Ich habe sie einfach nach Raufarhöfn verlegt, damit es ein bisschen spannender ist. 


"Ich bemerkte Spuren, aber sie waren durch den Neuschnee nur noch undeutlich zu erkennen. Die Vertiefungen führten von der Blutlache weg Richtung Dorf, hinunter an den Hafen, dann verloren sie sich im Schneetreiben."


Während deiner Recherche-Reise für dein Buch in Raufarhöfn, die du in deinem Reiseblog beschreibst, begegnest du auch Menschen, die in deinem Buch vorkommen. Hast du deine Geschichte um diese Menschen herumgestrickt? Wie den Dorfdichter oder den alten Mann, der sich auf seine Skistöcke stützt?

Das Buch war praktisch fertig, als ich da hochgefahren bin. Aber diese Recherche-Reise hat mich noch mal inspiriert, um das Buch komplexer zu machen, den Leuten mehr Charakter zu geben und sie greifbarer zu machen. Den alten Lehrer Sigfús hatte ich schon, aber als ich den anderen älteren Mann auf seinen Skistöcken sah, dachte ich mir, die Skistöcke und das Geräusch des Klickens auf dem Beton, die nehme ich mit in die Geschichte, die sind wunderbar, die brauche ich. Den Dorfdichter, den musste ich auch haben. Er ist aber als Person überhaupt nicht so wie der Dorfdichter im Buch. Aber einfach einen Dorfdichter zu haben, der sich um die Bibliothek kümmert, das hat mir schon genügt und deswegen wollte ich ihn haben.

Warum hast du Raufarhöfn für deine Geschichte ausgesucht?

Ich kannte Raufarhöfn schon und ich wusste, dass da nichts ist. Ich wollte einen Ort wählen, wo einfach nichts spannend ist, ein Ort, der nicht berühmt ist und wo es nichts zu tun gibt. Wo sich einer wie Kalmann sehr wohlfühlt und wo er einfach hingehört. Ein Kollege von mir hat mich auch überzeugt, Raufarhöfn zu wählen, weil er seine Doktorarbeit über diesen Ort geschrieben hat und dank ihm habe ich sofort hinter die Kulissen schauen können. Ich wollte diese Hoffnungslosigkeit drin haben – und wie es im Buch beschrieben ist, ist es auch so – in der Schule gibt es zehn Schüler und wenn eine Familie mit drei Kindern wegzieht, dann müssen sie die Schule zumachen. Es braucht nicht viel und dann machen die den Laden dicht. Als ich diese andere Welt entdeckt und diese zufriedenen Leute dort oben kennengelernt habe, hat sich diese lustige Kombination ergeben. Ein hoffnungsloser, langweiliger Ort, wo man einfach zufrieden sein kann und ein gutes Leben führen kann. Wie auch die meisten in meinem Buch. Es gibt so viele Schönheiten, die man dort entdecken kann – das Meer, den Himmel und andere Dinge, über die man sich gar nicht bewusst war. Es ist ein wirklich toller Ort und ich bin richtig glücklich, dass ich das verfolgt habe, auch wenn es weit weg von Reykjavík ist. 

Hat Kalmann seinem Freund Noi, dem Zocker, eigentlich von seiner Geschichte erzählt?

Nein. Noi hat ja eine unbestimmte Krankheit und es geht ihm immer schlechter, bis er letztendlich ganz von der Bildfläche verschwindet. Wir wissen nicht, was mit ihm passiert ist, aber das musste einfach so sein. Es überrascht die Leser manchmal, dass er einfach so verschwindet, das hat auch ein bisschen mit der Person Kalmann zu tun. Er macht eine Entwicklung im Buch – er ist ja am Schluss nicht mehr derselbe, der er am Anfang war. Und Noi, sein bester Freund, ist immer der Gleiche. Er hat diese Möglichkeiten nicht. Er ist ja auch ein bisschen primitiv, obszön und zynisch und auch verbittert durch seinen Umstand. Hat eine große Klappe. Zu Beginn ist er ein großes Vorbild für Kalmann, aber dann immer weniger. Und wie sich der Kalmann weiterentwickelt, ein bisschen erwachsener wird, das ist fast eine Coming-of-Age-Geschichte. Also in diesem neuen Leben hat der Noi keinen Platz mehr und er lässt ihn hinter sich zurück. Das ist der Gedanke dahinter. Wenn es von dieser Geschichte eine Fortsetzung geben würde, dann würde ich diesen Noi unbedingt wieder auftauchen lassen. Aber für diese Geschichte hat er verschwinden müssen und nicht zuletzt auch deswegen, weil Kalmann dadurch ein bisschen das Fundament verliert, sein Großvater wird immer dementer, sein bester Freund verschwindet und Kalmann steht am Schluss ganz alleine da und muss sich selber helfen. Das macht er dann ja auch und wird zum Helden.

 

Die Menschen in deinem Buch haben eine starke Verbindung zur Natur. Wie prägend ist die Natur auf Island?

Sie ist natürlich sehr prägend, weil sie extrem ist. Man kommt nicht darum herum, wie man heute wieder mit dem Erdbeben erlebt hat. Manchmal ist es auch das Wetter, das hier in Island sehr extrem sein kann. Stürme, viel Schnee, kein Schnee, zu viel Regen, kein Regen und Trockenheit, also schwierige Umstände. Die Straßen gehen immer kaputt oder sie sind vereist und das beeinflusst das tägliche Leben. Es ist unausweichlich, sich mit der Natur zu befassen, wenn möglich, anzufreunden. Darum spielt sie eine wichtige Rolle im Buch. Das gehört einfach zu einer isländischen Geschichte. 

Und zu Kalmann ja irgendwie auch, der stundenlang seine Runden im Schnee dreht.

Vor allem für Kalmann. Ich denke von allen Menschen in Raufarhöfn ist er der naturverbundenste. Die Isländer versuchen das ein bisschen zu ignorieren oder wollen sich dieser Natur, wenn möglich, nicht stellen. Sie bleiben zu Hause oder machen, wie die Nachbarin, den Schnee vom Auto weg, obwohl sie das Auto gar nicht gebrauchen. Sie wollen einfach den Schnee nicht auf dem Auto haben. Das zeigt auch ein bisschen die andere Seite, dass man die Natur eigentlich nicht haben möchte. Aber Kalmann ja, der ist sehr naturverbunden.


"Ich wünschte, ich wäre an jenem Tag gar nicht auf Fuchsjagd gegangen. Ich wünschte, Róbert wäre so spurlos verschwunden wie ein Schiff am Horizont. Auf dem Meer gibt es nämlich keine Spuren. Ein Meer sieht immer so aus, als wäre es noch nie von jemandem berührt worden, ausgenommen dem Wind. Ist es nicht seltsam, dass man nur mit Luft Spuren auf dem Wasser machen kann?"


Auf deiner Webseite schreibst du, Island ist eines der teuersten Länder Europas. Man liest auch immer wieder, dass dort die glücklichsten Menschen leben sollen. Welche Erfahrungen hast du mit dem Glück gemacht?

Das stimmt, aber letztendlich sind es nur Statistiken und das kann sich alles ändern, auch mit dem Währungskurs. Wenn man sagt, Island ist eines der teuersten Länder in Europa und eines der glücklichsten Länder in Europa, dann stimmt das, wenn man es ein bisschen verallgemeinert. Ich finde die Leute in Island sind sehr zufrieden und auch unbeschwert. Besonders in Krisenzeiten stelle ich das fest. Es gab die Finanzkrise, es gibt Vulkanausbrüche und die Isländer nehmen es immer mit Humor. Auch über die Erdbeben heute machen die Leute sich lustig. Die Coronamaßnahmen waren in Island viel strikter und jetzt sind wir praktisch corona-frei. Die Leute haben das sehr locker genommen und fast alle standen hinter der Entscheidung der Regierung und der Spezialisten und so hat man das ziemlich gut gemeistert. Wenn ich dann in die Schweiz oder auch nach Deutschland gucke, dann ist da eine Frustration und Wut in den Menschen über die Maßnahmen und eine Ungeduld und Verzweiflung. In der Schweiz hört man oft, dass man sich diese Maßnahmen eigentlich nicht leisten kann. Das hört man in Island fast nicht. Dann ist Krise und die müssen wir zusammen meistern. Dann kommen die Touristen auch wieder und es wird wieder viel besser. Jetzt haben wir fast 12 Prozent Arbeitslosigkeit, eigentlich eine Katastrophe, aber die Leute wissen irgendwie – das geht vorbei. Und diese Unbeschwertheit, die vielleicht mit den Naturextremen zu tun hat, das gefällt mir an den Isländern und ich würde mal ganz grob behaupten, das erklärt vielleicht, warum sie zu den Glücklichsten gehören, obwohl sie keinen Grund dazu hätten.

 

Du lebst schon seit 13 Jahren in Island und arbeitest dort auch als Reiseleiter. Warum bist du Reiseleiter geworden?

Das hat sich so ergeben. Ich habe schon viele verschiedene Jobs gemacht, auf einem Bauernhof, in einem Gewächshaus, in einem Restaurant und in einer Jugendherberge in Reykjavík an der Rezeption. Dort habe ich dann den Kontakt zur Tourismusbranche bekommen. Die Touristenführerschule hier in Island, die wollte ich schon immer machen, aber die ist auf Isländisch und man musste einigermaßen Isländisch sprechen können. 2016 habe ich dann die Ausbildung zum Reiseleiter gemacht. Was man alles über Island lernen konnte, hat mich sehr interessiert. Aber es war auch ein bisschen wie eine Sprachschule für mich. Die Prüfungen waren auf Isländisch und ich musste da wirklich ran. Das war sehr gut. Vor allem hat mich interessiert, was ich damals noch nicht über Island wusste. So habe ich extrem viel darüber gelernt. 

Planst du die Führungen selbst oder sind sie vorgegeben?

Ich bin bei verschiedenen isländischen Reiseunternehmen frei angestellt. Das heißt, ich bekomme Aufträge und die nehme ich an, wenn es mir passt oder ich lehne ab. Jetzt habe ich natürlich ein Jahr lang keinen einzigen Auftrag bekommen. Für den Sommer gibt es wieder einen, aber ich weiß nicht, ob der überhaupt zustande kommt.

 

Aus welchen Ländern kommen die Touristen?

Im Winter sind es mehrheitlich Englisch sprechende Gruppen und im Sommer meistens nur Deutsch sprechende Gruppen. Ich habe mich umgeschaut nach Reiseunternehmen, die mir Deutsche oder Schweizer Gruppen vermitteln. So kann ich auch mal in meinem Dialekt quatschen. Das ist dann der Idealfall. Engländer im Winter sind auch o. k., die sind gut drauf und das ist eine schöne Abwechslung. 


"Großvater machte den besten Gammelhai auf der ganzen Insel. Ich machte den zweitbesten."


Gibt es diesen Gammelhai wirklich, über den du im Buch schreibst?

Ja. Das ist etwas, was mich sehr interessiert hat. Auch meine Arbeit als Reiseleiter spielt da natürlich mit rein. Das ist ein Thema, das bei den Touristen immer gut ankommt, da der Gammelhai bei Gelegenheit auch mal angeboten wird. Das macht immer Stimmung und gehört deswegen einfach ins Buch. Auch der Geruch oder der Gestank des Gammelhais, der dann Großvater aufweckt, das hat alles sehr gut gepasst. Der Grönlandhai, der scheinbar unnötig erwähnt wird und über den man sehr vieles erfährt, spielt letztendlich in der Geschichte doch eine Rolle.

 

Wie bei der Nachbarin von Kalmann, die an einem Stück Gammelhai erstickt.

Ja, das ist tragisch. [Wir lachen beide]

 

Woher kommt dein Faible für Randfiguren oder Außenseiter, wie Kalmann einer ist?

Außenseiter sind die spannenderen Leute, die wirklich Spaß machen, sie zu beschreiben oder mit ihnen durchs Leben zu ziehen. Obwohl ich auch Geschichten geschrieben habe mit typischen Helden. Ich mag auch einen Superman, um das andere Extrem zu nennen. Ja, mich interessieren Leute, die nicht die Heldenfigur haben. Vieles kommt auch von meiner Liebe zum Film. Das fließt natürlich auch mit ins Buch hinein. Ich höre das schon ab und zu, dass man sich den Kalmann sehr gut als Film vorstellen könnte. Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich ihn sehr deutlich vor mir gesehen und der Aufbau war schon ziemliches Kopfkino bei mir. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich sehr gerne Filme gucke. 

Guckst du jetzt mehr Filme in Coronazeiten?

Nein, ich gucke eigentlich immer viel. Es geht gar nicht, dass ich mehr gucke. Ich habe ein bisschen mehr gelesen. Das hat aber vielleicht damit zu tun, dass die Filmbranche allgemein nicht mehr so viel liefern kann. Die Filme, die man im Kino noch hat sehen können, die waren alle ziemlich schlecht. Bei den Büchern war das anders, da gab es plötzlich viele gute Bücher, die ich lesen wollte oder ich habe in meinem Bücherregal Bücher wiedergefunden, die ich schon lange mal lesen wollte. Bei meinem letzten Heimatbesuch habe ich ganz viele Bücher geschenkt bekommen, auch vom Verlag. Ich habe also ein bisschen Aufholbedarf und deswegen mehr gelesen während Corona.

 

Ich habe dein Buch als Hörbuch gehört. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Sprecher bei bestimmten Namen, das R immer so schön gerollt hat. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja, das war eine bewusste Entscheidung. In Island wird das R sehr gerollt und das war eine starke Bitte von mir, dass man das richtig ausspricht. Während der Aufnahme haben wir gemerkt, dass es sehr viele isländische Namen und Begriffe gibt. Die habe ich dem Sprecher Timo Weisschnur alle aufgenommen und geschickt und er hat das prima hingekriegt. Die Aussprache der Namen, Orte und Begriffe ist nahezu perfekt. Das freut mich sehr und klingt gut. Vielleicht wäre es für 99 Prozent der Leute gar nicht so wichtig, aber für die, die mal in Island waren oder Isländisch sprechen können, ist es sehr wichtig, sonst schmerzt es einfach im Ohr, wenn man es falsch ausspricht. 

Welches Projekt planst du als nächstes?

Ich habe immer zwei bis drei Romane, an denen ich parallel arbeite. Es gibt eine Sache, die ist schon zehn Jahre alt und noch nicht fertig und etwas ganz Neues, was noch bei Diogenes in den Startlöchern ist. Zwischendurch kommt immer etwas anderes dazu, eine Bitte um eine Kurzgeschichte oder journalistische Arbeiten. Momentan arbeite ich an zwei Kurzgeschichten. Dann lege ich meine anderen Sachen zur Seite. Diese Abwechslung brauche ich auch manchmal.