Interview mit Daniela Wolff - Beifussfrau, Kräuterexpertin und Heilpraktikerin

Frau steht auf einer Wiese und pflückt Blumen
Beifußfrau Daniela Wolff © Daniela Wolff

Daniela Wolff ist mit „Leib und Seele Kräuterfrau wie sie sagt. Ich treffe sie an einem warmen Augusttag im Jenisch Park im Hamburger Westen. Hier bietet sie ihre Kräuterwanderungen und Kurse an. Während wir zusammen durch den Park laufen, erklärt mir Daniela Wolff die Bedeutung und Wirkung der verschiedenen Kräuter, Pflanzen und Bäume, die hier wild wachsen und die ich so noch nicht wahrgenommen habe.    

Liebe Frau Wolff, wo beginnen Ihre Kräuterwanderungen im Jenisch Park?

 

Ich starte fast jede Kräuterwanderung bei der Linde. Egal um welches Thema es sich handelt – Frauenkräuter oder Seelenpflanzen oder Essbares von der Wiese. Die Linde ist bei jeder Wanderung ganz wichtig, weil man die zarten Lindenblätter, erkennbar an dem herzförmigen Blatt, essen kann und ihre Themen einfach immer passen. Sie schmecken sanft und mild, wie Leinsamen. Man kann soviel von den Blättern essen wie man möchte, da sie keine Nebenwirkungen haben. Die Linde kann natürlich noch viel mehr. Es sind nicht nur ihr Geschmack und ihre arzneilichen Inhaltsstoffe, sondern auch ihre helle, beschützende Ausstrahlung, die die Menschen anzieht. Die Linde stand traditionell immer für die Liebe. Früher hat man sich im Dorf unter ihr versammelt, um sie herum getanzt, unter der Linde gegessen, aus den Blüten Tee zubereitet, einfach etwas Schönes gemacht. Die Zuordnung zur Linde ist immer positiv. Es gibt auch viele alte Lieder, in denen die Linde eine Rolle spielt. So ist die Wirkung der Linde auch schon fast erklärt. Daher kommt auch der Begriff "lindern" bei Krankheiten, Sorgen und Anspannungen. Oder "gelinde gesagt".

Frau hält Blätter in der Hand
Daniela Wolff mit Lindenblättern © Tonia Christie

 

Das ist aber ein bisschen in Vergessenheit geraten, oder?

 

Ja, heute ist der Lindenblütentee nur noch ein Grippe- oder Erkältungstee. Oft wird mit Pflanzen so umgegangen, dass man ein Kraut für eine Indikation nimmt. Lindenblütentee für die Erkältung, Spitzwegerichtee für den Husten. So arbeite ich nicht mit den Pflanzen, denn dieses Reduzieren wird den Pflanzen und Bäumen nicht gerecht. Ich sehe es umfassender. Und das vermittle ich auf den Wanderungen: Was ist das Wesen der Pflanze, welche Ausstrahlung hat sie, welchen Charakter? Wie ist man in der alten Erfahrungsheilkunde vor Jahrtausenden damit umgegangen und was ist heute davon übrig geblieben? 

Die Linde ist nur gut, das macht sie so besonders. Sie passt auch zu Stresserkrankungen, Schlaflosigkeit oder sogar bei Herzleiden wurde sie früher verwendet, weil man meinte, das Herz ist der Sitz der Seele. Es geht nicht um das Pumporgan, sondern um Gefühle und da ist die Linde besonders geeignet, weil sie gut ist für das Gemüt, für die Seelenlandschaft.

 

Die Blätter isst man wie einen Salat und aus den Blüten macht man einen Tee?

 

Genau. Kinder mögen den Lindenblütentee auch sehr gerne. In Frankreich gibt es noch eine große Tradition mit dem Lindenblütentee. Dort wird er sehr viel als Abendtee getrunken und nicht wegen der Grippe. Hier ist es tatsächlich ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Mir ist die Unmittelbarkeit in der Natur so wichtig. Wir müssen nicht alles einkaufen, ex- oder importieren. Es geht darum, weniger zu konsumieren. Bei der Pflanzenheilkunde, die ich vermittle, geht es darum, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen. Ich kann mich und mein Umfeld behandeln, soweit es geht und bin nicht nur abhängig. Es hat etwas mit einem Gefühl für die eigene Gesundheit zu tun. Einfach loslaufen, Nahrung finden und ernten, das berührt viele Leute ganz tief. Diese Unabhängigkeit, Heilmittel zu finden, Pflanzen zu kennen, überall "Freunde" zu treffen – das verändert das Lebensgefühl ganz grundlegend! Es hat mit Fülle zu tun und ist eben kein Mangel.

Auf diesem kleinen Weg hätten wir uns jetzt schon sattessen können.

 

Wir schlendern durch den Park zu einer Wiese. 

 

Sie haben bestimmt auch einen Garten?

 

Nein, tatsächlich momentan nicht. Die ganze Welt ist ja mein Garten (lacht)! Ich hatte einen sehr großen Garten, als ich noch in Friesland gewohnt habe. Und hier, der Jenisch Park das ist auch mein Garten. Ich baue auch hier und da mal etwas an und habe verlassene Hinterhöfe zum Garten erklärt. Ein paar Samen auswerfen oder Beerensträucher pflanzen. Das macht allen eine Freude, auch den Bienen.

Diese Pflanze, die da vorne wächst, sollte man immer im Haus haben.

Hand pflückt weiße Blüte
Schafgarbe © Daniela Wolff

Das ist Schafgarbe. Sie zählt zu den ganz alten Heilmitteln. Die hatte man früher in jedem Tee, ob in den Alpen oder Ostfriesland. Sie hilft bei Bauchweh, Regelschmerzen, Krämpfen und starken Blutungen. Auch bei Wunden und Entzündungen. Ihre Wirkung ist regulierend und ausgleichend. Man fühlt sich aufgeräumter, die Verdauung ist besser. Ihr wird auch nachgesagt, sie stärkt die Mitte. Sie hat auch Bitterstoffe und ätherische Öle. Der Tee schmeckt bitter und aromatisch, ein richtiges Heilkraut eben. Mit der Schafgarbe habe ich sehr viele Erfahrungen gesammelt, sie war ein wichtiger Grund, warum ich Pflanzenheilkunde mein Leben lang studiere. Ich hatte in meiner Jugend öfter Blasenentzündungen. Das war sehr belastend. Ich bekam ein Antibiotikum nach dem anderen verschrieben und der Teufelskreis begann. Die Folgen waren eine geschwächte Darm- und Vaginalflora. Und die Lösung dafür war die Schafgarbe. Hätte ich das früher gewusst, wäre mir ein langer Leidensweg erspart geblieben. 

Weiße Blumen auf einer Wiese
Schafgarbe im Jenisch Park © Tonia Christie

Wird die Schafgarbe als Tee eingenommen?

 

Ich habe es als Tee getrunken und als Sitzbad kennengelernt. Die Schafgarbe hat die Entzündung nehmen können, das Wundgefühl, Brennen, Jucken und sie hat die Darmflora wieder reguliert. Sie hat mir vor allem wieder die Kraft gegeben, an einen Heilungsweg zu glauben.

 

Wie haben Sie die Pflanze entdeckt?

 

Durch eine Heilpraktikerin aus München, die dieselbe Leidensgeschichte mit der wiederkehrenden Blasenentzündung hatte und auch in einen Teufelskreis geraten ist. Sie erwähnte die Pflanze auf einem Vortrag. Und da ich früher den ganzen Garten davon voll hatte, habe ich es ausprobiert. Was für ein Zufall! Also die Pflanze war mein Einstieg und ich habe sofortige Heilung erlebt. Seitdem bin ich ein Riesen-Fan von Schafgarbe. Diese Erfahrung war so überwältigend, da musste ich einfach weiter eintauchen. Ich war beruflich eigentlich erst woanders unterwegs und merkte dann aber, dass genau dieser Weg der richtige war. Heilpraktikerin werden und Pflanzenheilkunde unterrichten. Ich hatte auch Hautleiden, Verdauungsprobleme und Unverträglichkeiten und die Schafgarbe passte in jeder Hinsicht. Der Grund waren die vielen Antibiotika und die angeschlagene Darmflora, das schlägt sich auf der Haut nieder. Neurodermitis Erkrankte kennen das Thema auch gut.

Und wie wurden die Hautleiden behandelt?

 

Durch Bäder, Tees und Tinkturen. Innen und außen. Auch ein Ölauszug kann aus Schafgarbe gemacht werden, indem man das blühende Kraut in Oliven- oder Mandelöl gibt, es ziehen lässt. Damit kann man sich dann einreiben. Der botanische Name der Schafgarbe ist Achillea Millefolium. Da ist der Achilles mit drin, der Achill war ja unverwundbar, bis auf die eine Stelle und man sagt, das ist eine Pflanze, die unverwundbar macht. Sie hieß auch Soldaten- oder Zimmermannskraut. Die Blätter sind auch essbar. Sie sehen aus wie kleine Mascara-Bürstchen, so kann man sich die Pflanze gut merken. Das erklärt auch ihren anderen Namen: Augenbraue der Venus.

Frau hält Blatt in der Hand
Blatt der Schafgarbe © Tonia Christie

Also ist das eine Ihrer Lieblingspflanzen?

Bei dem Thema Lieblingspflanzen ist inzwischen jede Pflanze meine Lieblingspflanze (lacht).

 

Das ist der Spitzwegerich. Auch eine wichtige Pflanze, die man im Haus haben sollte und die im Garten nicht ausgerottet werden sollte. Es ist eins der allerbesten Mittel bei Husten. Egal was für ein Husten. Trocken, schleimig oder asthmatisch. Der hilft immer. Auch bei Hautleiden und Wunden, die stark jucken oder brennen. Eine kleine Handvoll frisches Kraut zerkleinert und mit kochendem Wasser übergossen, ergibt einen großartigen Tee. Getrockneter Tee aus dem Laden geht natürlich auch. Aber da er überall wächst, ist er frisch am besten. Und für Wunden, zerdrücke ich einfach ein Blatt, kaue es an und lege es auf die Wunde. Es ist eine der häufigsten Pflanzen auf der Wiese oder im Garten.

 

Wie lange bieten Sie Ihre Wanderungen schon an?

 

Seit 22 Jahren. Angefangen habe ich in Friesland und vor vierzehn Jahren bin ich nach Hamburg gezogen. Seitdem unterrichte ich hier im Jenisch Park und im Hamburger Westen und Umgebung.

 

Hat sich das Interesse im Laufe der Jahre verändert?

 

Ja, das Interesse ist riesig. Ich habe das Glück gehabt, hier von Anfang an auf interessierte Ohren zu stoßen. Und es wird deutlich mehr. Durch alle Altersgruppen. Die Frauen sind sehr interessiert an den Kursen und Ausbildungen. Aber die Männer ziehen nach, vor allem bei den Wanderungen. 

 

Warum, glauben Sie, nimmt das Interesse zu?

 

Es hat viel mit gesunder Ernährung und dem ökologischen Gedanken zu tun. Auch das Achtsame spielt eine wichtige Rolle. Es ist ein anderer Umgang inzwischen. Gerade in der Stadt ist die Nachfrage und die Sehnsucht nach einer Verbindung zur Natur groß. Die Menschen merken schon länger, dass die Natur irgendwie da draußen ist und sie sind drinnen, voneinander getrennt. Sie sind Feuer und Flamme, wenn es um Essen aus der Natur geht. Und sie realisieren, dass das, was hier wächst, nichts Feindliches ist, kein Unkraut. Viele verbinden damit oft etwas Giftiges oder Gefährliches. Aber es ist alles andere als das, nämlich heilend und freundlich. 

 

Wir wandern weiter zur nächsten Wiese und machen einen Abstecher zu einer Pflanze, die sehr besonders ist für den Norden.

 

Das ist der Frauenmantel. Auf den Wiesen im Allgäu wächst der Frauenmantel überall, in Norddeutschland ist er eher selten zu finden. Aber hier im Jenisch Park, in diesem Bereich, ist ganz viel davon vorhanden, deswegen ist das hier ein besonderer Ort. Diese Pflanze war für mich mit ein Grund hierher zu ziehen. 

Warum?

 

Weil Frauenmantel auf meinem Heilungsweg sehr wichtig für mich war. Es ist so zauberhaft und wohltuend und das größte Frauenkraut neben Schafgarbe. Damit behandeln Frauen eigentlich alle Leiden. Regelschmerzen, Unterleibs- entzündungen, ungewollte Kinderlosigkeit, Zyklusanomalien, Hitzewallungen, Wechseljahrbeschwerden. Rund um die Weiblichkeit taucht diese Pflanze immer auf. Als Tee, Tinktur oder auch Sitzbad. Sie hat eine unglaubliche Ausstrahlung und ein zartes Wesen. Schöne Nahaufnahmen sind zutiefst beglückend, wie kleine Perlen sind die Wassertropfen aufgefädelt. Sie werden aus den Blattenden ausgeschieden, laufen in der Mitte zusammen und werden gehalten, wie in einem Kelch. Daher sagt man beim Frauenmantel, er hat etwas Bewahrendes und Beschützendes. Wie ein Schutzmäntelchen für die Frau. Wenn eine Frau Fehlgeburten hatte, wurde früher zu diesem Kraut gegriffen, weil es das Halten und Bewahren vermittelt. Heute sieht man die Pflanze teilweise etwas anders und sagt, man solle sie lieber nicht in der Schwangerschaft nehmen. Heute schaut man nicht mehr wesenhaft auf die Pflanze, sondern nur, welche Inhaltsstoffe, was direkt auslösen. In einigen neueren Interneteinträgen steht, dass sie in der Schwangerschaft nicht mehr eingenommen werden soll. Das irritiert die Frauen, die das traditionell mal anders gelernt haben. Ältere Hebammen zum Beispiel haben gelernt, dass der Frauenmanteltee, der Schwangerschaftstee überhaupt ist, um das Kind zu halten. Und heute heißt es plötzlich – lieber nicht. Früher gab es, im Gegensatz zu heute, unterschiedliche Kenntnisse. Oft kommt es schlicht und einfach auf die Dosis und die Art der Zubereitung an. Heute steht in den modernen Pflanzenheilkunde-Büchern über den Frauenmantel oft nur noch – hilft bei Durchfall. Damit ist die Pflanze heute in einigen Phytotherapie-Büchern erklärt und "abgehakt" Denn die Pflanze hat Gerbstoffe und Gerbstoffe trocknen aus, also hilft die Pflanze bei Durchfall und weiter denkt man dann nicht. Damit ist diese Schönheit und die tief berührende Wirkung aber nicht erklärt. Frauenmantel, die Alchemilla ist sehr beliebt, wenn ich sie bei den Kräuterwanderungen bespreche. Die Menschen sind ganz verzaubert und wollen sie am liebsten nur noch fotografieren oder in den Garten pflanzen. 

 

Zwischendurch gibt es einen kleinen Imbiss aus Sauerampfer. 

Grüne Pflanze auf einer Wiese
Sauerampfer © Pixabay

 

Fast alles, was hier wächst, kann man essen. Und dieses Wiederentdecken der Wildkräuter ist jetzt wieder hip und modern. Dabei ist es eigentlich das Selbstverständlichste der Welt. Schon immer haben die Menschen gegessen, was da ist. 

 

Wo findet man noch Kräuter außer auf Wiesen und in Wäldern?

 

In verlassenen Hinterhöfen, an stillgelegten Bahngleisen oder auch verwilderten Grundstücken wächst ganz viel. Einfach in Gegenden, die sich selbst überlassen wurden. Es muss gar nicht eine gepflegte Wiese oder ein Wald sein. Die Elbhänge sind auch interessant, da wo es steil ist und die Hunde nicht hinpinkeln. Die Naturschutzgebiete sollte man natürlich zum Sammeln meiden. Da darf nicht ein Blättchen Brennnessel mitgenommen werden. Hier im Park ein Blättchen abzuzupfen, ist kein Thema, aber mit einem Spaten etwas ausbuddeln ist ein Problem. Tatsächlich kann man auch Leute fragen, die Grundstücke haben, die sie nicht so viel bearbeiten, ob da nicht eine wilde Ecke ist, wo gesammelt werden kann. So sind viele Möglichkeiten im Laufe der Jahre entstanden und es geht hier nicht um Kulturgemüse, sondern um die Wildpflanzen, die da sowieso wachsen. Das Anbauen schreckt ja viele ab, weil es so viel Arbeit macht, aber mit den Wildpflanzen muss man das ja nicht, die sind sowieso da. Das ist ja das Einfache bei denen und bedeutet null Arbeit. Einfach hingehen und Essen (lacht).

Alle Wildpflanzen haben einen sehr viel höheren Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen als Kulturgemüse. Löwenzahn, Giersch oder Brennnessel haben ein Vielfaches von den Vitaminen, die ein Kopf- oder Eisbergsalat hat. Und es geht nicht um die doppelte, sondern um die vier- bis zwanzigfache Menge. Eine kleine Handvoll würde reichen, um den Vitaminbedarf zu decken. Brennnessel hat viel Eisen und Vitamin C. Einfach in den Smoothie mit reinwerfen, dann hat man einen echten Eisen-Schub mit einer Handvoll Grün pro Tag.

Pflanze mit rosa Blüten
Springkraut © Tonia Christie

Was ist das für eine Pflanze, die so schön blüht?

 

Das ist das Drüsige oder Indische Springkraut. Ein sogenannter Neophyt, also eine neue Pflanze, die man vor Jahrzehnten geholt und angepflanzt hat, weil sie hübsch ist, die dann aber ein Eigenleben entwickelte und anfing stark zu wuchern. Man versucht sie überall auszurotten, weil sie Schaden anrichten kann. Das ist aber ein zweischneidiges Thema, denn erstens ist sie sehr schön und zweitens ist sie für die Bienen unglaublich wichtig. In jeder Blüte sitzt eine Hummel oder eine Biene. Im September gibt es nicht mehr viel, was blüht, nur sie ist noch da. Ja, sie wuchert und sie nimmt vielleicht anderen Pflanzen den Platz weg, die vorher da waren, aber die Insekten freuen sich. Und wenn die Samen der Blume dunkel werden, dann kann man sie auch essen, sie schmecken wie Walnüsse.

 

Haben Sie feste Wege auf Ihren Wanderungen durch den Park?

 

Nein, ich laufe immer kreuz und quer. Ich biete woanders auch Führungen an, zum Beispiel mitten in den Städten. Ich mag nur den Jenisch Park besonders gerne von seiner Ausstrahlung her. Hier kann ich alle Themen stattfinden lassen, weil zu allen Themen hier etwas wächst. Der Botanische Garten in Klein Flottbek ist auch großartig. Ich bin da sehr oft und gern. Der ist aber etwas angelegter, alles ist angepflanzt und Blättchen probieren ist tabu. In diesem Park ist es zum größten Teil einfach wild und das finden die Leute oft noch interessanter als das Angelegte. Klar wird hier auch gepflegt und eingegriffen, aber vieles ist von alleine gekommen. Die Kurse und Seminare, die ich hier anbiete, werden noch mehr angenommen als die im Botanischen Garten. Das Angelegte und Gepflegte wollen die Leute nicht mehr, das ist ganz spannend. Das Wilde ist jetzt der Trend. 

 

Gibt es Unterschiede zu den Kräutern, die im Norden wachsen zu denen im Süden?

 

Ja, da gibt es Unterschiede. Im Alpenraum, im Allgäu, gibt es eine unglaublich ausgeprägte Heilpflanzentradition mit vielen verschiedenen Kräutern. In Norddeutschland gibt es das weniger. Aber es wird hier wieder neu entdeckt. Bis auf Kamillentee, Pfefferminztee und Holunder. Oder Fliederbeersekt, Fliederbeersaft wie man dazu sagt. Ich komme ja ursprünglich aus Friesland und da ist es selbstverständlich, dass man mit dem Holunder etwas zubereitet. Holunder scheint in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz dazuzugehören. Das war früher der Haus- und Hofbaum, mit dem man alles behandelt hat. Ob Masern, Grippe oder Albträume. Die Apotheke der Einödbauern hat man gesagt. Das ist total verinnerlicht. Auch das Märchen der Frau Holle ist damit verbunden. Das ist eine unglaublich aufgeladene Geschichte. In den Büchern mit den volksheilkundlichen Einträgen, hat der Holunder die meisten Einträge.

 

Wir gehen weiter zum Beifuß, der nur an bestimmten Stellen im Jenisch Park wächst, aber sonst viel an Wanderwegen und Gehwegen zu finden ist. Er kann bis zu 2 Meter groß werden. 

Was ist das Besondere am Beifuß?

 

Der Beifuß war vor Hunderten von Jahren eine der wichtigsten Heilpflanzen überhaupt. Es ist eine sehr alte traditionelle Schamanenpflanze und wurde von den Heilern auf der ganzen Welt genutzt. Ob bei den Nordamerikanischen Indianern, in Nepal, Tibet oder in Norddeutschland. Einmal um den Globus herum hat man den Beifuß geräuchert und damit Heilanwendungen gemacht. Auch die Bettlager damals, das sogenannte Bettstroh wurde teilweise aus Beifuß bereitet und mit anderen Pflanzen gemischt. Das war die Tradition des „Liebfrauen Bettstrohs“. Dabei wurden die Frauen, die Gebären wollten, auf Kräuter gebettet. Und der Beifuß diente als Schutz und Stärkungspflanze. Früher hatte die Pflanze den Namen Artemisia vulgaris. Artemis ist die Göttin der Wildnis und der Jagd. Eine sehr selbstständige Göttin, die nicht geheiratet hat und keine Kinder bekam, sondern allein im Wald mit den wilden Tieren lebte. Sie kam in die Dörfer, half den Frauen beim Gebären und kehrte dann wieder zurück in den Wald und lebte ihr selbstständiges Leben. Diesen Kontakt zur Wildnatur, den können wir über den Beifuß lernen. Das ist nicht einfach zu beschreiben, es klingt vielleicht zu abstrakt oder esoterisch, aber das ist es nicht. Es geht darum, das Gefühl, die Instinkte und die Intuition wieder besser wahrnehmen zu können. In Verbindung mit der Natur zu sein. Diesen Raum kann der Beifuß ganz toll eröffnen. Wenn ich im Kräuter-Kurs Teerunden mit dem Beifuß mache, dann kommt oft die Rückmeldung – ich fühle mich stark. Das ist eine Pflanze, die die Sinne stärkt – man hört, riecht, schmeckt und sieht intensiver. Das ist wie ein Erwecken der Sinne. Sehr spannend. Viele Teilnehmer sagen danach, sie kommen in der Stadt mit der Enge, der Lautstärke, den übertriebenen Düften oder Aromen nicht mehr so gut klar, es fühlt sich künstlich an. Im Wald und auf den Wiesen ist es viel stimmiger. Es ist nicht leicht zu erklären, aber ich bekomme viele Rückmeldungen von Männern und Frauen, denen ich die Wirkung vorher nicht verraten habe und bei denen sich etwas verändert hat. Die ihren eigenen Weg gegangen sind ab dem Zeitpunkt...Es ist wirklich beeindruckend, als würde man Selbstständigkeit erlernen in Verbindung mit der Natur.

Heute ist Beifuß in den modernen Phytotherapie-Büchern ein Mittel, um fettes Essen bekömmlicher zu machen, im Gänsebraten als Gewürz zum Beispiel. Und damit ist die Pflanze heute abgehakt. Aber wie gesagt, es ist die älteste und wichtigste Schamanenpflanze der Welt, neben Wacholder. Und Wacholder hat das gleiche Schicksal erlebt, es wird heute nur noch als Gewürz bei Sauerkraut oder als Wacholderbeeren in Bratensoße verwendet. Wer sich für Schamanismus interessiert, kommt niemals vorbei an den beiden Heilkräutern. Das Interesse und der ursprüngliche Umgang mit den Pflanzen kommt aber wieder.

 

Warum nennen Sie sich eigentlich „Beifussfrau“? 

 

Ich habe mit Anfang zwanzig früh Kontakt haben dürfen mit dieser Pflanze. Sie hat eine große Kraft in mir ausgelöst und mich auf meinem Weg bestärkt. Ich habe mir dann zugetraut, Pflanzenheilkundekurse zu geben und damit nach außen zu gehen. Dieses Wissen, das ich mir über die Pflanzen angeeignet habe, ist mein Weg. Die Schafgarbe war der Heilungsweg und der Beifuß zeigte mir, dass es meine „wahre Natur“ ist, eine Kräuterfrau zu sein. Deswegen bin ich mit der Pflanze stark verbunden.


 

Rezept „Drahtseil-Tee“ von Daniela Wolff: Entspannungs- und Nervenstärkender Tee. Gut für den Feierabend.

Grüner Hafer 30g, Melisse 30-40g, Passionsblume 30-40g,      Weißdorn 20g, Johanniskraut 20g, Lavendel 10-15g

 

Die Kräuter mischen, pro Becher 1 gehäuften TL Kraut mit kochendem Wasser übergießen, 10 min. ziehen lassen, evtl. mit etwas Honig gesüßt trinken. 3 Tassen täglich als Kur über ca. 4 Wochen oder einfach mal zwischendurch zum Entspannen.