Interview mit Christiana Bukalo - Statefree

Status staatenlos - über 20 000 Menschen sind in Deutschland von der Staatenlosigkeit betroffen. Christiana Bukalo ist eine von ihnen. Mit ihr habe ich im Video-Interview über ihr Projekt Statefree gesprochen, das sie mit der Unterstützung von „Humanity in Action“ und der Alfred Landecker Stiftung aufgebaut hat.

Junge schwarze Frau mit langen Haaren lächelt
Christiana Bukalo © Joel Heyd

 

Liebe Christiana, du bist 27 Jahre alt und in Deutschland geboren, hast aber offiziell keine deutsche Staatsangehörigkeit, sondern den Status staatenlos. Mit dem Projekt statefree.world, das du ins Leben gerufen hast, möchtest du dich mit anderen Staatenlosen vernetzen. Wie bist du auf die Idee gekommen, diese Plattform zu gründen?

Ich hatte am Anfang das Gefühl, dass ganz viele Informationen, die mit dem Thema Staatenlosigkeit zu tun haben, fehlen. Die Informationen, die es gab, waren sehr fragmentiert und verteilt auf verschiedene Organisationen, unterschiedliche Websites und Expert*innen in dem Bereich. Ich wusste als Betroffene, dass es diese Informationen gibt und um einen Überblick zu verschaffen, musste ich sie an einen Ort bringen. Es geht ja nicht nur um die Menschen, die in NGOs [Non-governmental organization] arbeiten, sondern auch um die, die es teilweise selbst erleben. Dann gibt es noch die Diskrepanz zwischen der Theorie und dem, wie es wirklich ist. Deswegen habe ich entschieden, dass es eine Plattform für alle Menschen geben sollte, die damit in Berührung gekommen sind und über ihre Erfahrungen sprechen können. Damit man irgendwann einmal wirklich eine Fülle an Informationen hat, die widerspiegeln, wie es wirklich ist, staatenlos zu sein.

Warum bist du staatenlos?

In meinem Fall nennt sich das im Fachjargon „Ungeklärte Identität“. Bei mir war es so, dass die Dokumente meiner Eltern, die aus Westafrika kamen, vor deutschem Recht unzureichend waren, um ihre Identität zu klären. Das Problem ist, wenn man in Deutschland als Kind von Eltern geboren wird, deren Identität vor deutschem Recht ungeklärt ist, wird es vererbt. Das heißt, die Tatsache, dass ich auf deutschem Boden geboren bin, ändert nichts daran, sondern ich habe automatisch den gleichen Status wie meine Eltern. Das Ganze ist eng verknüpft mit einem Aufenthaltsstatus und man fokussiert sich erst mal auf das Lebensnotwendige und das ist der Aufenthalt. Das Thema Identität war erst mal ein Privileg. Es ging immer erst um Asyl, Aufenthalt und irgendwann mal um eine Niederlassungserlaubnis. Bei mir ist diese Identität immer noch ungeklärt. Es gibt den ungeklärten Status und den Staatenlosen-Status und den muss man auch erst mal bekommen. Der muss also erst mal anerkannt werden. Und das ist bei mir erst vor zwei Jahren passiert. Man kann theoretisch nach einer bestimmten Anzahl von Jahren, in denen man staatenlos war, auch die Einbürgerung beantragen. Ich bin mit 25 staatenlos geworden und davor war ich eben noch ungeklärt. Ich habe das Gefühl, diesen Status der Staatenlosigkeit möchte man hier in Deutschland eigentlich nicht, denn dann ermöglicht man auch die Einbürgerung. Da werden dann immer wieder bürokratische Hürden aufgebaut. 

Wie alt warst du, als dir dein Status zum ersten Mal bewusst wurde?

Mir war immer sehr bewusst, dass wir asylsuchend waren. Ich bin in einem Asylheim außerhalb von München aufgewachsen bis ich 5 oder 6 war. Dass ich nicht deutsch war, das wusste ich eigentlich schon immer. Am Anfang war das auch gar kein Thema mit der Staatenlosigkeit. Eigentlich könnte es auch völlig normal sein. Es ist mir erst aufgefallen, dass es ein Problem war, als ich sah, dass in meinem Dokument kein Land eingetragen war.

 

Bist du erst durch dein Statefree-Projekt mit anderen Staatenlosen in Kontakt gekommen oder kanntest du davor schon welche?

Tatsächlich erst durch mein Projekt. Ich habe davor noch nie jemanden kennengelernt, der staatenlos war. Ich habe immer gedacht, dass meine Schwestern und ich die einzigen sind. Für mich war die Vorstellung absurd, dass es zu diesem Thema, von dem ich selbst betroffen bin und das so ein großes Problem ist, keine Lösung oder Aufklärung gibt. In den Ämtern hat ja auch kaum jemand verstanden, worum es geht. Und deswegen dachte ich, es muss ein Einzelfall sein, sonst könnte es ja nicht sein, dass so wenig Aufklärung stattfindet. Jetzt weiß ich, dass es viele Betroffene gibt, aber man sich nicht so richtig darum kümmert. 

Trefft ihr euch regelmäßig?

Die Plattform ist gerade noch im Aufbau, man kann sich in eine Liste eintragen, aber noch nicht anmelden. Andere Staatenlose, die auch in Europa leben, sehe ich so einmal im Monat über die ENS – European Network on Statelessness, die hatten während der Pandemie einen Austausch angefangen, der monatlich stattfindet. Ursprünglich war das eine Alternative zu einer Konferenz, die hätte stattfinden sollen.

 

Welchen Status haben deine Eltern und deine Geschwister?   

Die sind auch ungeklärt.

 

Geht ihr unterschiedlich mit eurem Status um?

Bis vor ein paar Jahren bin ich damit noch genauso umgegangen, wie der Rest meiner Familie. Bei mir hat aber ein bestimmtes Erlebnis etwas in mir getriggert. Dass ich mich diesem Thema widmen kann ist auch ein Privileg. Ich habe einen festen Job und dadurch ist das möglich und es geht auch darum, inwieweit ich bereit bin, mich mit dem Thema mental auseinanderzusetzen.  

Welches Erlebnis war das, das etwas bei dir getriggert hat?

Das war im Februar 2019. Ich hatte geplant in Marrakesch Urlaub zu machen und bin allein dorthin geflogen. Vor meiner Reise habe ich viel recherchiert – als staatenlose Person ist man es ja gewohnt, vor einer Reise viel zu recherchieren. Ich hatte aber keinerlei Informationen zu meiner Ausreise gefunden und auch die Asylbehörde, an die ich mich gewendet habe, hat nicht geantwortet. Die Botschaft in Marokko wusste auch nicht, was der Status Staatenlosigkeit wirklich bedeutet und was notwendig gewesen wäre für eine Reise. Auf der Touristenwebseite wurde angemerkt, dass man als deutsche Person ohne Visum einreisen kann und das war mein nächster Vergleichswert, da mein Dokument in Deutschland ausgestellt worden war und ich noch nie woanders gelebt habe. Man kann ja als staatenlose Person auch erst mal lange nicht reisen. Das heißt, ich habe nichts anderes, um mich zu vergleichen. Ich bin also nach Marrakesch geflogen und wurde dort damit konfrontiert, dass ich nicht einreisen darf. Die Passkontrolle hat lange gedauert, da die sich mein Dokument sehr genau angeguckt und viel miteinander diskutiert haben. Und irgendwann kam dann die Aussage, dass ich nicht einreisen darf. Ich hätte zusätzlich zu dem Reisedokument ein Visum gebraucht. Dass mir die Information nicht mitgeteilt wurde und ich es auch nicht herausgefunden hatte, war für sie irrelevant. Und so musste ich wieder zurück nach Deutschland fliegen.

Wovon hängt deine Identität ab?

Für mich hängt das eher von meinem Umfeld ab. Gar nicht so sehr von der Nationalität, das wird für mich nicht gleichgesetzt mit Identität, aber es wird im legalen und politischen Kontext oft gleichgesetzt. Für mich ist es mein Charakter, meine Eigenschaften, meine Werte. Und meine Familie und Erfahrungen.

 

Unterstützen dich deine Eltern in dem, was du tust?

Es ist jetzt nicht so ein Riesenthema, aber ja, sie unterstützen mich.

 

Welche Rechte hat eine staatenlose Person?

Mittlerweile habe ich durch den Reiseausweis, den ich mit 18 bekommen habe, das Recht zu reisen. Muss aber darauf achten, ob ich für die Einreise in bestimmte Länder ein Visum brauche. Aber wählen kann ich nicht, weil man dafür ja die deutsche Staatsangehörigkeit bräuchte.  

 

Wie fühlt sich Freiheit für dich an?

Das ist sehr schwierig, denn viele verbinden mit Freiheit „hingehen können, wohin man will“. Das ist aber relativ fern von dem, was ich erlebe. Freiheit ist für mich eher Sicherheit. Das würde für mich bedeuten, dass ich machen kann, was ich möchte, ohne die Angst haben zu müssen, nicht mehr das Recht zu haben, in Deutschland zu sein.

 

Wieviel von deiner Identität steckt in deiner Arbeit?

Jetzt gerade bei Statefree würde ich sagen sehr viel. Viel mehr als ich am Anfang gedacht oder gewollt hätte. Am Anfang der Aktion hatte ich ein Pseudonym, weil ich mich nicht so in den Vordergrund rücken und mich selbst schützen wollte vor der Sichtbarkeit. Mittlerweile ist es sehr viel, weil ich auch merke, dass es für den ersten Schritt wichtig ist, dass Menschen auch eine Erfahrung mit dem Thema verbinden können, um zu verstehen, worum es bei der Staatenlosigkeit wirklich geht.

 

Und jetzt fühlt es sich gut an für dich?

Es fühlt sich für mich notwendig an [lacht]. Wenn es dazu führt, dass mehr Menschen wissen, dass Staatenlosigkeit existiert, dann hat es auch den richtigen Einfluss. Ich wäre aber auch nicht traurig ohne die Sichtbarkeit, sage ich jetzt mal so. 

 

In welchen Momenten vergisst du, dass du staatenlos bist?

Selten. Man ist sich dessen schon sehr bewusst. Früher, vor der Pandemie, wenn man zusammen mit Freunden abends Essen war und über andere Dinge nachgedacht hat, dann habe ich es kurz vergessen. Aber ansonsten ist es relativ präsent. Ich denke jetzt nicht die ganze Zeit an die Staatenlosigkeit, aber es ist ja ein Teil von meinem Status, deswegen ist es mir schon sehr bewusst.

 

Wohin würdest du gerne reisen?

Für mich geht es gar nicht so sehr darum wohin, sondern ich möchte einfach entspannt reisen können, ohne die administrativen Hürden, ohne die Auseinandersetzung jedes Mal, weil man nicht versteht, was ich für ein Reisedokument habe, ohne unangenehme Situationen am Flughafen, wo hinter mir die Schlange immer länger wird, weil die Personen, die mich kontrollieren, nicht sicher sind ob ich gerade ein legales Dokument vorweise. Das ist eher das Thema bei mir. 

Was genau steht in dem Dokument, wenn man staatenlos ist?

Das sind die Ziffern XXA und bedeutet staatenlos.

 

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass man als staatenlose Person genauso leben kann, wie eine Person, die eine Staatsangehörigkeit hat. Ich finde es sollte keinen Unterschied geben zwischen dem, was eine Person, die von einem Staat anerkannt ist, machen darf und dem, was eine Person, die nicht anerkannt ist, machen darf. Im Endeffekt ist es trotzdem ein Mensch und es gibt keinen Unterschied. Es ist ein legaler Status. Ich finde es ist eine Unart, dass es einen Einfluss darauf hat, inwiefern eine Person frei leben darf. Diese Person hat nichts verbrochen und keinen Einfluss darauf, da es ihr von außen auferlegt wird. Deswegen wäre mein Wunsch für die Zukunft, dass man tatsächlich gleichberechtigt ist.